Ein integriertes Managementsystem statt Doppelstrukturen und Insellösungen30 | 06 | 26

Integriertes Managementsystem, Doppelstrukturen, Insellösungen, Teammeeting

Warum Integration in vielen Unternehmen nur auf dem Papier stattfindet – und wie sich unnötige Parallelstrukturen gezielt abbauen lassen

Die Ausgangslage ist in vielen Unternehmen ähnlich: Das Qualitätsmanagement nach ISO 9001 ist etabliert, später kommt ISO 14001 hinzu, teilweise ergänzt um ISO 50001, ISO 45001 oder weitere Systeme. Auf dem Papier entsteht ein integriertes Managementsystem. In der Praxis laufen jedoch oft mehrere Teilsysteme nebeneinander – mit eigenen Dokumenten, eigenen Zuständigkeiten und eigenen Routinen.

Die Folgen sind spürbar: mehrere Auditprogramme, parallele Maßnahmenlisten, unterschiedliche Schulungsnachweise, doppelt gepflegte Verfahrensanweisungen und wiederkehrende Abstimmungsrunden zu ähnlichen Themen. Fachbereiche erleben das nicht als Integration, sondern als zusätzliche Komplexität. Genau hier liegt eines der häufigsten Praxisprobleme bei gewachsenen Managementsystemen.

Woran sich fehlende Integration im Alltag zeigt

Doppelstrukturen entstehen selten bewusst. Meist wachsen sie schrittweise. Ein bestehendes QM-System wird um Umwelt-, Energie- oder Arbeitsschutzanforderungen ergänzt. Statt gemeinsame Elemente systematisch zusammenzuführen, werden neue Anforderungen auf bestehende Strukturen aufgesetzt. So bleiben ähnliche Regelungen getrennt bestehen, obwohl sie denselben Zweck erfüllen.

Typische Hinweise auf Insellösungen sind getrennte Auditpläne für dieselben Prozesse, mehrere Maßnahmenverfolgungen, unterschiedliche Begriffe für vergleichbare Risiken oder separate Berichte an dieselben Führungskräfte. Hinzu kommt häufig eine uneinheitliche Dokumentationslogik: Was in einem System als Prozess geregelt ist, erscheint im anderen als Verfahrensanweisung oder Liste. Für die Anwender wird das System dadurch schwerer verständlich und aufwendiger in der Pflege.

Warum das mehr ist als nur ein Dokumentationsproblem

Das eigentliche Problem liegt nicht allein im Mehraufwand. Doppelstrukturen schwächen auch die Steuerung. Prozesse werden dann nicht ganzheitlich betrachtet, sondern normbezogen. Eine Änderung im Produktionsprozess kann gleichzeitig Auswirkungen auf Produktqualität, Umweltaspekte, Energieverbrauch und Arbeitssicherheit haben. Wenn jedes Thema getrennt bewertet wird, fehlt der gemeinsame Blick auf die tatsächliche Prozessleistung.

Gerade Führungskräfte brauchen jedoch keine vier getrennten Sichtweisen auf denselben Ablauf, sondern eine konsistente Steuerungsgrundlage. Wenn das Managementsystem diese nicht liefert, wird es schnell als bürokratischer Überbau wahrgenommen. Die Folge ist sinkende Akzeptanz in den Fachbereichen und eine stärkere Abhängigkeit von einzelnen Beauftragten oder Koordinatoren.

Wo Integration sinnvoll ist – und wo nicht

Ein wirksames IMS bedeutet nicht, alle fachlichen Unterschiede aufzulösen. Qualität, Umwelt, Energie oder Arbeitsschutz haben jeweils eigene Inhalte, Kennzahlen und rechtliche Bezüge. Integration heißt daher nicht Gleichmacherei. Sie ist dort sinnvoll, wo gleiche oder ähnliche Managementanforderungen gemeinsam geführt werden können.

In der Praxis betrifft das vor allem Prozesslandschaft, Verantwortlichkeiten, Dokumentenlenkung, Schulung, Auditplanung, Korrekturmaßnahmen, Managementbewertung sowie Ziele und Kennzahlen. Dagegen müssen spezifische Umweltaspekte, energiebezogene Leistungskennzahlen oder qualitätssichernde Prüfanforderungen fachlich differenziert bleiben. Gute Systeme trennen deshalb nicht nach Normkapiteln, sondern zwischen gemeinsamer Managementarchitektur und notwendiger fachlicher Tiefe.

Eine wichtige Grundlage dafür ist die gemeinsame Grundstruktur moderner ISO-Managementsystemnormen, häufig als Harmonized Structure beziehungsweise früher als High Level Structure nach Annex SL bezeichnet. Sie erleichtert die Integration, weil zentrale Elemente wie Kontext der Organisation, Führung, Planung, Unterstützung, Bewertung der Leistung und Verbesserung einer vergleichbaren Logik folgen. Diese gemeinsame Normlogik sollte im IMS genutzt werden, ohne daraus eine rein kapitelbezogene Dokumentation abzuleiten.

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Wie Unternehmen Doppelstrukturen gezielt abbauen können

Ein sinnvoller erster Schritt ist die gemeinsame Betrachtung der Prozesslandschaft. Dort wird deutlich, an welchen Stellen mehrere Systeme denselben Prozess beeinflussen. Auf dieser Basis lassen sich gemeinsame Anforderungen bündeln und fachspezifische Inhalte gezielt zuordnen. Wo existieren mehrere Regelungen mit ähnlichem Zweck? Welche Nachweise werden mehrfach geführt? Welche Berichte gehen an dieselben Empfänger, ohne dass daraus ein gemeinsames Bild entsteht? Bereits diese Analyse macht sichtbar, an welchen Stellen Integration tatsächlich Entlastung bringen würde.

Besonders sorgfältig zu prüfen sind dabei rechtliche und sonstige Anforderungen. Ein IMS kann Ermittlung, Bewertung und Nachverfolgung solcher Verpflichtungen methodisch gemeinsam organisieren, etwa über ein zentrales Rechtskataster, gemeinsame Verantwortlichkeiten und eine einheitliche Maßnahmenverfolgung. Die fachliche Bewertung bleibt jedoch norm- und themenspezifisch: Umweltrecht, Arbeitsschutzpflichten, energiebezogene Anforderungen, Datenschutz oder Informationssicherheit dürfen nicht in einer allgemeinen Risikoliste verschwinden.

Das betrifft vor allem:

  • Kontext und interessierte Parteien
  • rechtliche und sonstige Anforderungen einschließlich Compliance-Bewertung
  • Prozesslandschaft und Verantwortlichkeiten
  • Dokumentierte Informationen und Dokumentenlenkung
  • Kompetenz, Schulung und Bewusstseinsbildung
  • interne Audits
  • Korrekturmaßnahmen und Maßnahmenverfolgung
  • Managementbewertung
  • Ziele und Kennzahlen
  • Risikobetrachtungen auf Prozessebene

Bewährt hat sich anschließend ein pragmatisches Vorgehen: zuerst gemeinsame Systemelemente bündeln, dann Prozesse und Verantwortlichkeiten vereinheitlichen und erst danach die Dokumentation anpassen. Besonders wirksam ist es, Auditplanung, Maßnahmenverfolgung und Managementbewertung prozessorientiert aufzubauen. So werden Wechselwirkungen sichtbar, ohne dass fachliche Anforderungen verwischt werden.

Ebenso wichtig ist eine klare Rollenlogik. Fachverantwortung für Umwelt, Energie oder Qualität bleibt erhalten, aber die Prozessverantwortung darf nicht in mehrere Teilwelten zerfallen. Führungskräfte müssen erkennen können, welche Ziele, Risiken und Maßnahmen ihren Bereich insgesamt betreffen – nicht nur getrennt nach Normen.

Fazit

Doppelstrukturen und Insellösungen sind in vielen Unternehmen kein Zeichen fehlender Professionalität, sondern das Ergebnis historisch gewachsener Systeme. Problematisch werden sie dann, wenn sie Pflegeaufwand erhöhen, Verantwortlichkeiten unklar machen und die Steuerung erschweren. Ein integriertes Managementsystem ist deshalb nicht schon dann integriert, wenn mehrere Normen unter einem gemeinsamen Titel geführt werden.

Sein Mehrwert zeigt sich erst dann, wenn ähnliche Anforderungen gemeinsam gesteuert, Berichte zusammengeführt und Wechselwirkungen systematisch berücksichtigt werden. Wer diese Integration konsequent angeht, reduziert nicht nur Bürokratie, sondern verbessert auch Transparenz, Weiterentwicklung und Akzeptanz im Alltag.

 

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Über den Autor: Oliver Schneider

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Oliver Schneider ist als Produktmanager seit 2015 bei der DGQ und verantwortet in der DGQ Weiterbildung das Trainingsportfolio zum Thema Qualitätsmanagement und Lean Six Sigma. Seine Qualifizierungen als Qualitätsmanager und Lean Six Sigma Green Belt ermöglichen es ihm, die Weiterentwicklung dieser Themen aktiv zu gestalten und Fachkräfte gezielt zu beraten.