Managementsysteme als Instrumente der Organisationsentwicklung1 | 07 | 26

Kompetenzen, Meeting, Besprechung

Entgegen einer häufigen Sichtweise können Managementsysteme einen echten Beitrag zur Organisationsentwicklung leisten. Gerade von Personen, die an integrierten Managementsystemen beteiligt sind, erfordert dies eine ganze Reihe von Kompetenzen.

Managementsysteme und Organisationsentwicklung werden häufig als unterschiedliche Themenfelder betrachtet. Während Organisationsentwicklung meist mit Veränderung, Anpassung und Lernen verbunden wird, erscheinen Managementsysteme auf den ersten Blick eher als Instrumente zur Standardisierung betrieblicher Abläufe.

Tatsächlich wurden Managementsysteme nach ISO 9001 oder ISO 14001 nicht entwickelt, um permanente Veränderung zu erzeugen oder zu managen. Ihr Zweck besteht vielmehr darin, stabile Prozesse, klare Verantwortlichkeiten, nachvollziehbare Entscheidungen sowie verlässliche und überprüfbare Strukturen zu schaffen. Aus dieser Perspektive sind Managementsysteme zunächst Instrumente der organisatorischen Stabilisierung.

Sie bilden damit einen organisatorischen Anker in einer zunehmend dynamischen Umwelt. Durch den in den Normen verankerten PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act), die fortlaufende Verbesserung und eine regelmäßige Kontextanalyse werden diese Strukturen regelmäßig überprüft und weiterentwickelt. Durch Management Reviews, Audits und Leistungsbewertungen schaffen Managementsysteme die Grundlage für strategische Entscheidungen der obersten Leitung. Die Stabilität schafft die Voraussetzung dafür, Veränderungen nicht zufällig oder reaktiv, sondern systematisch und zielgerichtet gestalten zu können.

Managementsysteme verbinden also organisatorische Stabilität und fortlaufende Verbesserung. Unternehmen benötigen beides: die Fähigkeit, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, und gleichzeitig ausreichend Verlässlichkeit, um ihre Kernaufgaben wirksam und reproduzierbar erfüllen zu können.

Von der Normerfüllung zur Organisationsentwicklung

Ziel der Organisationsentwicklung ist nicht die Veränderung um ihrer selbst willen, sondern die kontinuierliche Verbesserung der Leistungs- und Anpassungsfähigkeit einer Organisation. Hier können Managementsysteme ihre eigentliche Stärke entfalten. Ein zentrales Beispiel ist die Kontextanalyse. Organisationen werden aufgefordert, relevante externe und interne Einflussfaktoren zu identifizieren und deren Auswirkungen auf die eigenen Ziele und Prozesse zu bewerten. Veränderungen werden dadurch systematisch beobachtet und in Managemententscheidungen einbezogen.

Ähnliches gilt für die Betrachtung interessierter Parteien, das Risiko- und Chancenmanagement, interne Audits, die Management Reviews oder den kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Gemeinsam bilden diese Elemente einen institutionalisierten Lernprozess, der Organisationen dabei unterstützt, Erfahrungen auszuwerten, Verbesserungspotenziale zu erkennen und notwendige Anpassungen vorzunehmen. Managementsysteme sollten daher unbedingt als Strukturen des organisationalen Lernens verstanden werden. Sie schaffen einen verbindlichen Rahmen, innerhalb dessen Organisationen Veränderungen wahrnehmen, bewerten und in geordneter Weise umsetzen können. So verstanden, leisten Managementsysteme einen wichtigen Beitrag zur Organisationsentwicklung.

Die Wirksamkeit der Systeme hängt letztlich von den Menschen und ihren Kompetenzen ab, die sie anwenden.

Welche Kompetenzen benötigen Organisationen?

Die am System beteiligten Personen müssen lernen, relevante Informationen und Verbesserungspotenziale so aufzubereiten, dass Führungskräfte ihre Verantwortung für Strategie, Leadership und Organisationsentwicklung wirksam wahrnehmen können. Neben fachlichem Wissen benötigen diese analytische Fähigkeiten, systemisches Denken, Kommunikationsfähigkeit, Veränderungskompetenz und Nachhaltigkeitswissen (vgl. nachstehende Tabelle).

Kompetenzen für moderne Organisationen

Anforderungen moderner Organisationen Kompetenzen
Nachhaltigkeits- und ESG-Kompetenz Vertiefte Kenntnisse in Umwelt-, Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement
Systemisches Denken Ganzheitliches Denken und interdisziplinäre Problemanalyse
Analytische Fähigkeiten Analyse komplexer technischer, wirtschaftlicher und organisatorischer Systeme
Strategisches Denken Entwicklung integrativer Management- und Umweltkonzepte
Problemlösungskompetenz Identifikation, Strukturierung und Lösung komplexer Problemstellungen
Projektmanagement Planung, Durchführung und Steuerung von Projekten
Prozessmanagement Gestaltung und Weiterentwicklung von Managementsystemen
Risikomanagement Bewertung von Risiken und Chancen in Organisationen
Kommunikationsfähigkeit Fachliche, interkulturelle und adressatengerechte Kommunikation
Team- und Kooperationsfähigkeit Zusammenarbeit mit internen und externen Stakeholdern
Konfliktmanagement Erkennen und Bearbeiten von Ziel- und Interessenkonflikten
Führungskompetenz Zielorientiertes Führen und Motivieren von Teams
Innovationsfähigkeit Entwicklung neuer Lösungsansätze und Organisationsformen
Veränderungskompetenz Offenheit gegenüber Veränderungen und Gestaltung von Verbesserungsprozessen
Beratungsfähigkeit Unterstützung von Organisationen bei Entwicklungs- und Verbesserungsprozessen
Wissenschaftliche Arbeitsweise Datenerhebung, Analyse, Literaturrecherche und evidenzbasierte Entscheidungen
Markt- und Umfeldorientierung Berücksichtigung rechtlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
Selbstmanagement Eigenverantwortliches und zielorientiertes Arbeiten

 

Moderne Organisationen benötigen zunehmend Kompetenzen, die weit über reines Fachwissen hinausgehen. Besonders gefragt sind Mitarbeitende, die technische, organisatorische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte miteinander verbinden können.

Der Masterstudiengang „Integrierte Managementsysteme“ als Qualifizierung für Organisationsentwicklung

Ein Beispiel dafür, wie Fach- und Führungskräfte für die Anforderungen moderner Managementsysteme ausgebildet werden können, ist der Masterstudiengang „Integrierte Managementsysteme“ an der Hochschule Zittau/Görlitz. Der Studiengang besteht seit 2015 und ist nach bisherigem Stand deutschlandweit der einzige Studiengang mit einem expliziten Fokus auf integrierte Managementsysteme.

Das Studienkonzept setzt bewusst an der Schnittstelle von Managementsystemen und Organisationsentwicklung an. Managementsysteme werden dabei nicht ausschließlich normativ oder technisch betrachtet, sondern als Instrumente verstanden, mit denen Organisationen strukturiert weiterentwickelt, Verbesserungsprozesse gestaltet und organisationales Lernen unterstützt werden können.

Damit werden die Studierenden nicht nur auf klassische Tätigkeiten im Umwelt-, Energie-, Nachhaltigkeits- oder Qualitätsmanagement vorbereitet. Sie qualifizieren sich ebenso für Aufgaben als Auditoren, Berater, Projektleiter oder Verantwortliche für Organisationsentwicklung. Gemeinsam ist diesen Tätigkeiten die aktive Mitgestaltung organisationaler Entwicklungs- und Verbesserungsprozesse.

Fazit

Managementsysteme sind heute nicht mehr primär Dokumentations- und Compliance-Systeme, sondern Kompetenz- und Lernsysteme. Sie unterstützen Organisationen dabei, ihre Leistungsfähigkeit kontinuierlich zu verbessern, Wissen aufzubauen, Risiken zu beherrschen und auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren. Ihre Wirksamkeit entsteht durch Menschen, die systemisch denken, Probleme analysieren, Zielkonflikte moderieren, Veränderungen gestalten und Organisationen kontinuierlich weiterentwickeln können.

Über den Autor: Jana Brauweiler und Markus Will

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Jana Brauweiler ist Professorin für Integrierte Managementsysteme an der Hochschule Zittau/Görlitz und leitet dort das Team Integrierte Managementsysteme (TIMS). Sie verantwortet die Ausbildung von Studierenden im deutschlandweit einmaligen Masterstudiengang „Integrierte Managementsysteme“ und ist Autorin verschiedener Praxisbücher zu Umwelt- und Arbeitsschutzmanagementsystemen sowie zur Auditierung von Managementsystemen. Als Beraterin und Trainerin begleitet sie Organisationen bei der Umsetzung von Managementsystemen im Unternehmensalltag und unterstützt die effektive Umsetzung von Umwelt-, Arbeitsschutz-, Energie- und Qualitätsmanagementsystemen sowie deren Integration. Zudem ist sie Mitglied im DIN-Arbeitsausschuss NA 175-00-04 AA „Grundlagen des Risikomanagements“ sowie im Beirat des DIN-Normenausschusses Organisationsprozesse (NAOrg).

Dipl.-Ing. (FH) Markus Will ist Mitarbeiter der Arbeitsgruppe TIMS an der Hochschule Zittau/Görlitz, Co-Geschäftsführer der INM – Institut für Nachhaltigkeitsmanagement GmbH und Partner bei Lohr, Will & Partner – Life Cycle Sustainability Experts. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Nachhaltigkeitsbewertung, Life Cycle Assessment (LCA), Risiko- und Nachhaltigkeitsmanagement sowie integrierte Managementsysteme. Er ist Mitglied und fachlicher Gremienleiter im DIN-Arbeitsausschuss Umweltmanagement/Umweltaudit (NA 172-00-02 AA).