Attribut „Menschlichkeit“ im Audit25 | 04 | 18

Menschlichkeit im Audit

Die Situation ist bekannt: Wir haben den Auditauftrag erhalten, bei einem Fertigungsunternehmen die Prozesse „mal anzugucken“. Uns im Nacken sitzen der Chef als QMB, der Einkauf und der Vertrieb. Die Ware muss her, sonst steht beim Kunden die Linie und wir tragen die Kosten. Und die Produktgüte muss stimmen. Das heißt. Fehler sind nicht verzeihbar. Daily business!

Unser Lieferant fertigt einfache Klammern für eine unserer Baugruppen. Single-sourcing, ohne vorhandene Alternativen, da diese zu teuer sind. Wir wissen, dass diese Klammer in unserem eigenen Unternehmen nicht sauber spezifiziert ist und dass sie zwar eine Funktion, aber eine untergeordnete, erfüllen muss. Alle Hoffnung auf die Wunderlösung wird auf den Auditor gesetzt.

Und während des Hinflugs nach China wird die ganze Zeit überlegt, was im Audit alles zu tun wäre, wenn alles 100%ig präzise wäre: Eine fehlerfreie gelenkte Zeichnung, eine Funktionsbeschreibung, gar eine FMEA, ein PLP, eine QSV und alles theoretisch Denkbare. Haben wir aber nicht. Hunderte von Q-Tools sausen durch den Kopf: FMEA, PLP, cpk und weiteres wird gewälzt.

Berufsethos versus Realität

Aber: Wir sind Auditoren! Unser Berufsethos sagt etwas von Neutralität, von Fakten, Zahlen und Nachweisführung. Wir haben irgendwo Daten, die wir irgendwie nutzen können. Irgendwie kriegen wir das hin.

Vor Ort angekommen schlägt die Realität brutal zu: Unser Gegenüber ist ein kleines Handwerksunternehmen in China, das Klammern in einem Familienbetrieb biegt. Vater und Mutter arbeiten mit. Das Überleben aller hängt an diesem Unternehmen und an einem jungen Sohn, der sich das Wissen peu à peu angeeignet hat. Keine Zertifizierung vorhanden, aber ein unbändiger Wille, alles richtig zu machen. Grundehrliche Menschen, technisch versiert und einfallsreich. Keine SOP, keine ausreichenden Prüfungen. Die Frage bezüglich FMEA wird gehört und es wird genickt, aber sie ist zu weit weg, als dass sie die Menschen dort erreicht. Der VDA-Auditor würde im Kapitel 3 schon die Bücher zuklappen.

Wir Auditoren haben aber ein Gefühl. Stellen Sie sich einmal vor, Sie seien Ingenieur, kennen sich in Ihren Gebieten sehr gut aus und Ihr enormes Wissensfundament basiert auch auf einer technischen Berufsausbildung. Sie fühlen sich mit dem Sohn – dem Entwickler – verbunden. Ihr Instinkt klopft an und sagt: „Die schaffen das. Die sind schon gut.“ Zu diesem Zeitpunkt blenden Sie den eigentlich menschlichen Gedanken, der Sie jetzt gerade erwischt, aus: Die wollen überleben.

„Wollen sie es wirklich?“

Aber Sie können es nicht im Frage- und Antwortspiel festhalten. In keinem Fragebogen findet sich die Frage: „Wollen sie es wirklich?“

Was Sie aber wissen: Wenn ich nun entsprechend aller Vorgaben und meiner Fragen feststelle, dass der Lieferant nicht geeignet ist, dann kann er seine Ideen nicht weiterleben und sich verbessern. Seine Existenz ist bedroht, obwohl er alles Mögliche unternehmen will, was in seiner Macht steht. Eine Temperaturüberwachung ist notwendig, doch sie kostet Geld und dieses hat er nicht. Aber er will! Vor Ihnen als Auditor war niemand im dortigen Unternehmen und die Aufträge sind in wahrsten Sinne des Wortes „blind“ platziert worden.

Also, was machen Sie? Qualität ist wichtig und wir können uns nicht täglich mit Wareneingangsreklamationen oder schlimmer noch Kundenreklamationen beschäftigen. Also muss er gesperrt werden. Gleichzeitig hat Ihr Unternehmen aber einen CoC, der was von Nachhaltigkeit in der Lieferkette schreibt und sich um seine Lieferanten sorgt.

Kurzum: Die Fakten sprechen gegen eine Freigabe und die Moral bleibt trotz guter Zusagen auf der Strecke. Ist das menschlich?

ISO 19011 beschreibt den Ethos des Auditoren. Er soll systematisch, unabhängig und neutral sein. Ein Idealbild eines Auditoren wird propagiert.

Eine Frage fehlt

Und die Realität?

Die Frage „War das Audit menschlich?“ braucht nicht gestellt zu werden – sie steht in keinem Fragebogen. Natürlich kann man nun aus verschiedensten Perspektiven den Bericht hinterfragen, aber die Kernfrage bleibt.

Sie können Ihrem Kunden nicht verkaufen, dass es ein kleines Unternehmen ist, welches „schon gut“ ist. Sie können Ihrem Einkauf auf der vorhandenen Datenbasis nicht verkaufen, dass das Unternehmen es schon irgendwie schafft. Sie können Ihrem Chef nicht verkaufen, dass das Audit eine de facto Nichterreichung der Vorgaben erreichte.

Aber das Schlimmste: Sie müssen Ihrem chinesischen Partner verkaufen, dass er nicht geeignet ist. Er lächelt, er nickt, er trinkt Tee mit Ihnen und wünscht alles Gute. Aber hat er registriert, dass sein Wille nicht mehr ausreicht, seine Familie zu ernähren?

Ist das die Nachhaltigkeit, die wir propagieren? Ist das Menschlichkeit?

Über den Autor:

Frank Mammen ist Dipl.-Ingenieur und arbeitet in der technischen Lieferantenqualifizierung bei der Adolf Würth GmbH & Co.KG. Er ist Auditor für QM und UM, Umweltbetriebsprüfer nach VO/EU 1221/2009 sowie VDA 6.3-Auditor. Er hat bereits über 350 Lieferantenaudits international durchgeführt.

3 Kommentare bei “Attribut „Menschlichkeit“ im Audit”

  1. Sehr geehrter Herr Mammen,

    Ihr Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin selbst Auditor in der Lebensmittelindustrie und kenne ähnliche Situationen. Und doch denke ich, dass Sie beim Schreiben dieses – ohne Schmeichelei – fantastisch ehrlichen Artikel eine Option aus den Augen verloren haben. Unsere Aufgabe als Auditoren ist es zwar, ein objektives Bild der vorhandenen Situation zu beschreiben, doch niemand schreibt uns vor, aus welcher Sichtweise dieses Bild zu verfassen ist. Sie haben ja versteckt darauf hingewiesen, dass im Falle einer sachgerechten Lieferantenauswahl eine Vergabe nicht oder nur mit Qualifizierungsplan möglich gewesen wäre. Und genau an dieser Stelle könnte man als Auditor dem Kunden einen Spiegel vorhalten. Das kostet Kraft, aber gerade bei einem guten Gefühl ist es mir die Kraft wert.

  2. 406108b692f4ba268ca84a3a59bef7ab Thomas Keil sagt:

    Zunächst vielen Dank an den Autor des Beitrages Herrn Mammen u. dem ersten Kommentator Herrn Siudzinski! Zeigt es doch dass es Qualitäter „mit Leib u. Seele“ gibt, die ihren Job mit großem Engagement u. Überzeugung ausfüllen.
    Mein ausführliches Statement zur Problematik veröffentliche ich in Kürze unter den FB-Kommentaren, um meine Denkweise möglichst vielen Kollegen und Interessierten nahe zu bringen.

  3. cfc7a7f3b3e6e94feaea482b5b447e8c Dirk Lübbermann sagt:

    Sehr geehrter Herr Mammen,

    danke für diesen Beitrag! Es ist wahr, meistens sind in unserer Technikwelt – vermeintlich – Zahlen Daten Fakten die Entscheider, das „Soziale“ kommt zu kurz und wird von der „Logik“ hinten runter geschubst.
    Hier: „Eine Temperaturüberwachung ist notwendig, doch sie kostet Geld und dieses hat er nicht.“ Der Auditor in der Zwickmühle: entweder wird die Q-Anforderung nicht erfüllt oder eine Existenz ruiniert …
    Zwei Denkanstöße, um der Sache ein „happy / human ending“ zu verschaffen …
    Mein erster Gedanke: Muss die Messlatte so hoch liegen? Wie wichtig ist die Q-Anforderung denn wirklich für das Teil? Oft führen unnötig hohe Anfordeungen zum Ausschluss von guten Lösungen…

    Und wenn die Q-Anforderung wirklich so wichtig für das Teil ist, warum dann nicht dem kleinen, aber wichtigen Lieferanten auf die Sprünge helfen und z. B. das Equipment mitfinanzieren, zur Verfügung stellen? Dann werden die Teile wohl marginal teurer – klar. Aber: der Kunde gewinnt dadurch seinen Lieferanten als treuen Partner, auf den er sich verlassen kann. Damit gewinnt er viel mehr, als er investiert.
    Das wäre echte C.S.R. vom Feinsten! Ich wünsche mir, dass wir Qualitäter und unsere Audits auch solche Wege eröffnen können.

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