Der rote Faden zur präzisen Zeichnung28 | 08 | 26

Technische Zeichnung, Qualitätssicherung, Maschinenbetrieb

In drei Beiträgen widmet sich Steffen Beutler den Anforderungen an Technische Zeichnungen. Im dritten Teil geht es darum, warum ein strukturierter Prozess bei technischen Zeichnungen alternativlos ist. In Teil 1 der Beitragsreihe erfahren Sie mehr zu unverzichtbaren Pflichtangaben bei Technischen Zeichnungen, während Teil 2 der Beitragsreihe die fünf häufigsten Fehler in technischen Zeichnungen aufzeigt.

Wer ein Buch liest, schlägt nicht wahllos irgendeine Seite auf, liest drei Sätze und springt dann auf eine ganz andere Seite zurück. Um den Sinn zu erfassen, lesen wir es der Buchstruktur folgend von Anfang bis Ende, Seite für Seite, Zeile für Zeile. Bei technischen Zeichnungen ist es nicht anders. Wer Maße und Toleranzen ohne System platziert, erzeugt Chaos statt Klarheit. Eine perfekte Zeichnung ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer strikten Chronologie und der Einhaltung von Normvorgaben.

Warum ein strukturierter Prozess heute alternativlos ist?

In der modernen Fertigung hat sich die Rolle der Zeichnung gewandelt. Mit der Einführung von MBD (Model Based Definition) dient das 3D-Modell oft als primäre Datenquelle, während die 2D-Ableitung die funktionskritischen Spezifikationen liefert. Neue Normen wie die ISO 22081 ermöglichen es zudem, Zeichnungen massiv zu „entschlacken“, verlangen aber im Gegenzug eine fehlerfreie methodische Vorgehensweise.

In vier Schritten zur Funktionsbeherrschung

Mit diesem „roten Faden“ erstellen Sie Zeichnungen, die in der Fertigung und Qualitätssicherung eindeutig und frei von Rückfragen sind.

Schritt 1: Spielregeln festlegen (formaler Rahmen)

Bevor die erste Geometrie toleriert wird, müssen die rechtlichen und normativen „Hausregeln“, der formale Rahmen, klar sein. Ein vollständiges Schriftfeld nach ISO 7200 ist kein bürokratischer Akt, sondern die juristische Basis Ihres Vertragsdokuments.

  • Normengrundlage: Festlegung der aktuellen GPS-Normen.
  • Allgemeinvorgaben: Definition der Allgemeintoleranz, Oberflächenbeschaffenheit und Kantenübergänge.
  • Projektionsmethode: Eindeutige Festlegung der Ansichten.

Sobald dieser juristische und formale Rahmen steht, können wir uns der physikalischen Geometrie des Werkstücks widmen.

Schritt 2: Das Fundament (Bezugssystem)

Im nächsten Schritt nehmen wir die funktionale Betrachtung ein. Für jedes Bauteil ist ein referenziertes Koordinatensystem erforderlich, an dem es sich orientiert: das Bezugssystem.

  • Funktionale Bezüge: Wählen Sie als Bezüge die Schnittstellen zur restlichen Baugruppe (zum Beispiel Lagerstellen oder Dichtflächen), niemals willkürliche Geometrien, nur weil sie gut zu greifen sind.
  • Stabilitätsregel: Ein Bezug sollte immer präziser toleriert sein als die Geometrie, die sich darauf stützt. Ein „krummer“ Bezug entwertet jede darauf aufbauende Lagetoleranz.
  • Visualisierungstipp: Ein Schema der Bezugsbildung (Primär-, Sekundär- und Tertiärbezug) verdeutlicht hier die eindeutige Ausrichtung im Raum.

Mit einem stabilen Fundament im Rücken bewerten wir nun systematisch jedes einzelne Funktionselement.

Schritt 3: Der Funktions-Check

Arbeiten Sie jede relevante Geometrie systematisch anhand dieser 6-Punkte-Checkliste ab. Dadurch werden typische Fehler wie Mehrdeutigkeit von Maßen sowie fehlende Form- und Lagetoleranzen vermieden.

  1. Maß: Benötige ich eine Passung oder eine Maßtoleranz?
  2. Form: Muss das Element besonders gerade, rund oder eben sein?
  3. Richtung: Ist eine Parallelität oder Rechtwinkligkeit zum Bezug entscheidend?
  4. Ort: Muss die exakte Position oder Koaxialität gesichert sein?
  5. Oberfläche: Welchen Ra- oder Rz-Wert verlangt die Funktion?
  6. Übergang: Sind Gratfreiheit oder Verrundungen funktionsrelevant?

Nachdem die funktionskritischen Bereiche definiert sind, bleibt die Frage, wie mit dem Rest des Bauteils umzugehen ist.

Schritt 4: Effizienz durch moderne Normung (ISO 22081)

Früher wurden nicht-funktionale Flächen oft mühsam einzeln bemaßt. Im Zeitalter von ISO 22081 ist das vorbei.

  • Minimalistische Bemaßung: Geometrien ohne spezielle Funktion benötigen keine expliziten Nennmaße auf der Zeichnung mehr.
  • Allgemeine Flächenprofiltoleranz: Diese Flächen werden über das 3D-Modell und eine im Schriftfeld definierte allgemeine Profiltoleranz abgedeckt. Dies entschlackt die Zeichnung und verhindert widersprüchliche Angaben.
Beitragsreihe zum ISO-GPS-Normensystem

Das „ISO-GPS-Normensystem“ ist zurzeit eines der größten Normensysteme der ISO (International Organization for Standardization). Es basiert auf Regeln und Grundsätzen zur eindeutigen und widerspruchsfreien Beschreibung und Spezifikation (Konstruktion) der Mikro- und Makro-Geometrie (Größenmaß, Form, Richtung, Ort, Lauf, Oberfläche, Rauheit) eines Werkstückes. Das Ziel ist es, die funktionalen Anforderungen an Bauteilen und Baugruppen zu erfüllen. In acht aktualisierten Fachartikeln erhalten Sie einen Überblick über das ISO-GPS-System, den aktuellen Normungsstand, die Tolerierungsgrundsätze, das GPS-Matrix-Modell und die Möglichkeiten zur Anwendung. Jetzt informieren »

Praxisbeispiel: Lagersitze an einer Welle

Um die Vorgehensweise in vier Schritten greifbar zu machen, schauen wir sie uns nun an einem konkreten Praxisbeispiel, den Lagersitzen an einer Welle, an. Dabei gehen wir Schritt für Schritt vor und sehen, welche Angaben nötig sind, damit die Zeichnung eindeutig, funktional und normgerecht wird.

Lagersitze an einer Welle

Abb. 1: Lagersitze an einer Welle (© BeSt Toleranzmanagement)

Anwendung des 4-Schritte-Prozesses:

  1. Formaler Rahmen: Zeichnung gemäß ISO 7200, ISO 21920, ISO 13715, ISO 14405 und ISO 22081.
  2. Bezugssystem: Die Mittelachsen der Lagerstellen werden zu Bezug A und B. Die Anlagefläche für das Festlager der linken Lagerstelle wird Bezug C.
  3. Funktionscheck: Die Lagersitze erhalten Maßtoleranzen (j7), eine Formtoleranz (Hüllbedingung Ⓔ) und eine Lagetoleranz (Gesamtrundlauf zu Bezug A-B). Keine besondere Oberflächenbeschaffenheit oder Kantenübergänge notwendig, da die allgemeinen Angaben ausreichend sind.
  4. Effiziente Gestaltung: Das restliche Gehäuse ohne Passfunktion wird über die allgemeine Profiltoleranz im Schriftfeld (ISO 22081) abgesichert.

Fazit

Eine perfekte Zeichnung beschreibt die Funktion mit so wenigen Angaben wie möglich, aber so vielen wie nötig. Wer dabei konsequent strukturiert vorgeht, vom formalen Rahmen über das Bezugssystem bis zur Checkliste, erstellt Dokumente, die Professionalität ausstrahlen und technische Sicherheit gewährleisten.

 

Informieren Sie sich in den weiteren Teilen der Beitragsreihe über:

DGQ-Qualitätspodcast Folge 60: ISO GPS – Die gemeinsame Sprache für Fertigung und Qualitätssicherung

Moderatorin Natalie Rittgasser spricht mit DGQ-Trainer und ISO-GPS-Experte Steffen Beutler darüber, wie Missverständnisse in technischen Zeichnungen entstehen und wie die ISO-GPS-Normenreihe dabei hilft, sie zu vermeiden. Steffen Beutler zeigt, weshalb technische Zeichnungen heute funktionsgerecht erstellt werden, wie sich grundlegende Regeln und Tolerierungsgrundsätze im Laufe der Zeit verändert haben und wie eine gemeinsame Sprache für Konstruktion, Fertigung und Qualitätssicherung dazu beitragen kann, Zeit und Kosten einzusparen. Zur Podcastfolge »

 

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Über den Autor: Steffen Beutler

Steffen Beutler
Steffen Beutler ist Sachverständiger für die Bereiche Technische Dokumentation und Mess- und Prüftechnik. Nach seinem Studium an der Uni Stuttgart arbeitete er in der Halbleiter- und Feinwerktechnik, dabei leitete er internationale Projekte. Heute vermittelt er sein Wissen zur technischen Spezifizierung und Prüfung als Berater und als Trainer in Inhouse-Seminaren. Damit trägt er zur einheitlichen technischen Kommunikation zwischen Kunden und Lieferanten bei, was zu einer deutlichen Reduzierung von Zeit und Geld führt.