VSME praxisnah umsetzen: Wie KI-Agenten Berichtserstattung unterstützen können10 | 06 | 26

VSME-Berichterstattung, ESG

Wie viel Nachhaltigkeitsinformation braucht ein Unternehmen eigentlich, um auskunftsfähig zu bleiben und wie lässt sich das mit vertretbarem Aufwand organisieren?

Multiple Krisen, wachsende Informationsanforderungen sowie geopolitische Spannungen erhöhen den Druck auf Unternehmen, ESG-Daten strukturiert bereitzustellen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stellt sich damit nicht nur die Frage der Berichterstattung, sondern auch der Effizienz. Zugleich ersetzt Berichterstattung, beispielsweise in Form eines sogenannten VSME-Berichts, weder Strategie noch Management. Sie kann aber ein wirksamer Einstieg in beides sein, weil sie Transparenz über Datenlücken, Risiken, Abhängigkeiten und Steuerungsbedarfe schafft. Gerade in der aktuellen Situation wird sichtbar, dass ESG-Daten nicht nur Kommunikationsmaterial sind, sondern Informationsinfrastruktur für unternehmerische Entscheidungen bilden.

Was steckt in VSME?

Der „Voluntary Sustainability Reporting Standard for Small and Medium-sized Enterprises“ (VSME) wurde entwickelt, um nicht börsennotierten KMU ein einfaches, standardisiertes Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie Nachhaltigkeitsinformationen bereitstellen können. Der Standard besteht aus einem Basic Module und einem Comprehensive Module (s. Abbildung 1).

Aufbau des VSME-Standards mit Basic Module und Comprehensive Module entlang der ESG-Themenfelder

Abb. 1: Aufbau des VSME-Standards mit Basic Module und Comprehensive Module entlang der ESG-Themenfelder (© Europäische Kommission)

Warum ist es jetzt wichtig, sich mit dem Thema VSME auseinanderzusetzen?

Ziel eines VSME-Berichts ist es auch, ungeordnete ESG-Datenanfragen zu reduzieren und den Zugang zu Finanzierung und Marktbeziehungen zu erleichtern. Die EU empfiehlt inzwischen den VSME ausdrücklich als Mittel gegen den sogenannten „Trickle-down“-Effekt:

Große Konzerne, die nach CSRD berichten müssen, benötigen präzise Nachhaltigkeitsdaten ihrer Zulieferer, um ihre eigenen Berichte zu vervollständigen. Wer hier nicht liefert, riskiert seine Listung. Banken integrieren zunehmend ESG-Kriterien in ihre Kreditprüfung, sodass ein fehlender Nachweis zu schlechteren Konditionen oder gar zur Ablehnung von Finanzierungen führen kann. Lieferkettensorgfaltspflichten betreffende Gesetze verpflichten große Unternehmen dazu, Risiken in ihrer Kette zu minimieren – KMU müssen dabei nachweisen, dass sie dabei selbst keine Risiken für andere darstellen.

Synergieeffekte zu ISO-Standards

Unternehmen, die bereits zertifizierte Managementsysteme unterhalten, haben den „halben Weg“ zur Erstellung eines VSME-Berichts bereits zurückgelegt, durch Kontextanalyse und diverse Kennzahlen. Exzellente Datenlieferanten sind unter anderem:

  • ISO 9001 (Qualitätsmanagement) hilft bei den Governance-Metriken, dem allgemeinen Prozessmanagement und durch die Dokumentationsstruktur bei Berichtsabläufen.
  • ISO 14001 (Umweltmanagement) deckt nahezu alle Umweltmetriken des Basismoduls ab.
  • ISO 27001 (Informationssicherheits-Managementsystem) zahlt auf die Governance-Metriken und die allgemeine Geschäftsstrategie ein.
  • ISO 45001 (Managementsystem für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit) ist der direkte Zubringer für die Sozialen Metriken.
  • ISO 50001 (Energiemanagement) ist mit Verbrauchsdaten und Effizienzmaßnahmen der Goldstandard für das „Energie-Modul“.
Drei Top-Tipps für die Umsetzung des VSME-Standards

Starten Sie nicht bei Null!
Prüfen Sie zunächst, welche Informationen bereits vorhanden sind.
Klären Sie Datenflüsse entlang der Wertschöpfungskette!
Der Aufwand sinkt deutlich, wenn früh geklärt wird, welche Informationen und Nachweise intern als auch extern bereits vorliegen.
Setzen Sie KI-Agenten gezielt und mit Governance ein!
KI-Agenten sind kein Heilversprechen, sondern wertvolle operative Werkzeuge, die zur Effizienzsteigerung beitragen können.

Die Rolle der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) ist der „Enabler“, um die Berichterstattung von einer bürokratischen Last zu einem strategischen Tool zu machen. KI-Tools können sowohl Datensammlung, Strukturierung, Plausibilisierung und Textvorbereitung unterstützen als auch operative Aufgaben beschleunigen wie Dokumente auslesen, ESG-Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführen, fehlende Datenpunkte identifizieren, Erstentwürfe erstellen und wiederkehrende Anfragen standardisieren.

Zum Beispiel können so unstrukturierte Daten aus Rechnungen, ERP-Systemen und Sensorik ausgelesen und den VSME-Metriken zugeordnet, bestehende Unternehmensdaten mit den VSME-Anforderungen abgeglichen und fehlende Informationen ergänzt werden. Large Language Models (LLMs) unterstützen bei der Formulierung von Strategietexten (zum Beispiel bei B2 des Basismoduls oder C1 im Comprehensive Modul) unter Einhaltung der fachlichen Terminologie. Prädiktive Analysen können Treibhausgasemissionen prognostizieren und dabei helfen, realistische Reduktionsziele (zum Beispiel bei C3) zu definieren. Richtig eingesetzt, können KI-Agenten solche Schritte nicht nur punktuell unterstützen, sondern entlang klar definierter Vorgaben eigenständig vorbereiten, koordinieren und für die fachliche Prüfung aufbereiten. Verantwortung, Freigabe und Qualitätssicherung bleiben jedoch beim Menschen („Human in the Loop“).

Fazit

Die Einführung des VSME ist weniger ein Schreibprojekt als ein Organisations- und Datenmanagementprojekt, um belastbare Nachhaltigkeitsdaten zu liefern. Entscheidend sind klare Verantwortlichkeiten, belastbare Datenquellen, definierte Prüfpfade und wiederholbare Prozesse. Bei der Praktikabilität können KI-Agenten eine wesentliche Hilfe sein. Vorausgesetzt, sie werden kontrolliert, nachvollziehbar und sinnvoll eingebettet eingesetzt.

Der VSME-Standard wird voraussichtlich im Sommer 2026 überarbeitet und als delegierter Rechtsakt erscheinen, nachdem die finalisierten überarbeiteten Europäischen Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) veröffentlicht wurden.

Nachhaltigkeitsbericht nach VSME: KI-gestützt berichten und strategisch steuern

Das Thema „VSME praxisnah umsetzen“ bearbeitet der DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit auch auf dem 9. DGQ Qualitätstag am 19. November 2026 in Frankfurt am Main: Dr. Wilhelm Floer und Prof. Dr. Linda Chalupová, Leitungsteam des DGQ-Fachkreises Nachhaltigkeit, führen durch einen praxisnahen Workshop zum Einsatz von KI-Agenten in der VSME-Berichterstattung. Gemeinsam mit den Teilnehmenden erproben sie unter anderem Prompt-Tipps für die KI-Agentin Berta, die die Berichterstattung unterstützt. Jetzt informieren »

 

Über die Autoren:

Prof. Dr. Linda Chalupová lehrt Nachhaltigkeitswissenschaften an der HS Fulda. Sie ist Autorin, Speakerin und Expertin für strategische Unternehmenssteuerung und begleitet Organisationen bei der Weiterentwicklung ihrer ESG-Architektur. Hierbei verbindet sie wissenschaftliche Fundierung mit Praxiserfahrung. Darüber hinaus leitet Sie den DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit und engagiert sich in ISO- und DIN-Gremien sowie im Nachhaltigkeitsausschuss der IHK Frankfurt/Main.

Dr. Wilhelm Floer ist Unternehmensberater, Auditor und Trainer bei zahlreichen Bildungsinstituten. Er gibt gerne sein Wissen und seine beruflichen Erfahrungen weiter und ist offen für neue Herausforderungen. Audits, Managementsysteme und Nachhaltigkeitsthemen prägen seine beruflichen Themenfelder. Als Mitglied des Leitungsteams des DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit steht er für einen offenen Austausch in der Community.

Weiterbildung zum VSME-Standard in der Nachhaltigkeitsberichterstattung

In der praxisorientierten DGQ-Weiterbildung erfahren Sie, wie Sie den VSME-Standard gezielt einsetzen, um Auskunfts- und Reportinganforderungen von Banken, Investoren und Geschäftspartnern effizient zu erfüllen. Jetzt anmelden »

Über den Autor: DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit

Avatar-Foto
Der DGQ-Fachkreis Nachhaltigkeit bietet eine entscheidende Plattform, über die wir Wissen teilen, gemeinsam lernen und Umsetzungsbeispiele für die Praxis erarbeiten und bereitstellen. Wir wollen damit einen Gestaltungsspielraum für engagierte Personen aus Organisationen bieten, die sich ihrer unternehmerischen Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft, aber auch der eigenen Organisation bewusst sind. Dies gilt für die Gegenwart und die Zukunft. Somit vereinen wir Managementsysteme und Nachhaltigkeitsbestrebungen.