Warum eigentlich ein Umweltmanagementsystem einführen?6 | 07 | 16

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Anfang der 1990er-Jahre nahm, nachdem die Briten damals längst vorausgeeilt waren, auch in Deutschland die Bereitschaft von Unternehmen immer mehr Fahrt auf, Managementsysteme zu implementieren und nach ISO 9001 (QM) oder ab 1996 auch nach ISO 14001 (UM) zertifizieren zu lassen. Von Anfang an stand dabei eine Frage im Raum, die bis heute Gültigkeit hat: Hängt da nur ein Stück Karton im Foyer, auf das bei Bedarf verwiesen werden kann, oder wird QM/UM etc. in dieser Organisation auch gelebt?

Dem schließt sich übrigens zwingend eine weitere Frage an: Wenn nämlich so ein Ding nur an der Wand hängt – wer hat das denn zertifiziert? Um aber nicht gleich am Anfang des Textes schon ins nächste Thema abzudriften, lassen wir diese Frage jetzt einfach einmal unkommentiert und beleuchten lieber den Aspekt, welche Beweggründe evtl. vorliegen könnten, z. B. ein Umweltmanagementsystem (UMS) einzuführen.

EMAS zu aufwändig?

Als ISO 14001 1996 erschien, war das ebenfalls auf Umweltmanagement ausgerichtete EU-Regelwerk EMAS schon ein paar Jahre auf dem Markt. ISO 14001 galt von Anfang an als weniger aufwändig umzusetzen, auch weil in der Norm einige wesentliche Aspekte, die in EMAS angelegt waren, fehlten (und noch fehlen). Dass sich die ISO-Norm zahlenmäßig immer mehr durchgesetzt hat, hängt aber auch mit der von Revision zu Revision zunehmenden Kompatibilität mit ISO 9001 zusammen, die mit der großen Revision von 2015 einen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht hat. Die aktuellen Zahlen sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: In Deutschland gibt es heute rund 7.700 Zertifikate gemäß ISO 14001 (Quelle: ISO Survey 2014), aber nur etwa 1.200 EMAS-Registrierungen (Quelle: EMAS).

Nähren solche Zahlen bereits die Vorstellung, dass ein (vergleichsweise) geringerer Aufwand für die Implementierung eines UMS gemäß ISO 14001 einem (möglicherweise) etwas höheren Nutzen für die Umwelt bei einer Einführung von EMAS möglicherweise unter Berücksichtigung auch aller anderen Aspekte letztlich vorgezogen wird? Warum überhaupt ein UMS einführen und dann auch noch zertifizieren lassen?

Einige Schlaglichter ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Der Umwelt zuliebe: Das hört sich zunächst nach spinnertem Gutmenschentum an, ist aber in jeder Hinsicht vernünftig. Wer etwas weiter in die Zukunft blickt und dabei noch über die Schüsselkante hinaus, wird erkennen, dass er, wenn er so weitermacht, am Ende sich selbst und dabei noch allen anderen das Wasser abgräbt. Wer das nicht erkennt, wird, wie jedenfalls die Indianer es ausdrücken, zu gegebener Zeit sehen, dass man Geld weder essen noch trinken kann! Dieser erste Beweggrund ist so klar und so ausgiebig diskutiert, dass er hier nicht noch weiter aufgewärmt werden muss. Dies allein wird jedoch nicht ausreichen, damit eine Organisation für ein UMS Geld in die Hand und Aufwand in Kauf nimmt.
  • Prozessoptimierung: Die ganze Palette von Vorteilen, die ein UMS mit seinem PDCA-Zyklus samt fortlaufender Verbesserung der Prozesse für eine Organisation mit sich bringt. Hierunter können überhaupt alle Vorteile subsummiert werden, die sich aus der Erfüllung aller Forderungen einer Umweltnorm ergeben – eine gute Basis, um festgeschriebene Organisationsziele tatsächlich auch zu erreichen.
  • Interessierte Kreise: Das können ganz schön viele sein: Kunden, Behörden, Versicherungen, Banken, Öffentlichkeit etc. etc., im Grunde alle, die von der Aktivität der jeweiligen Organisation in irgendeiner Form betroffen sind. Hierher gehört z. B. auch das Stichwort „bindende Verpflichtungen“, deren Einhaltung ein zentraler Punkt ist. ISO 14001:2015 fordert nicht umsonst von einer Organisation, ihre interessierten Kreise zu identifizieren und deren Relevanz entsprechend einzubeziehen resp. zu berücksichtigen. Ein UMS-Zertifikat weist nach, dass die Organisation dem nachkommt.
  • Image/Glaubwürdigkeit: Wenn eine Organisation zeigen kann, dass sie sich für aktiven Umweltschutz einsetzt und damit im Sinn des modernen Nachhaltigkeitsgedankens wertvoll handelt, erscheint sie in der öffentlichen Wahrnehmung als besonders verantwortungsbewusst. Immer mehr Kunden entscheiden sich beim Kauf von Waren oder der Anforderung von Dienstleistungen für Anbieter, die eine nachhaltige Grundhaltung belegen können – z. B. mit einem UMS-Zertifikat, ausgestellt von einer seriösen Zertifizierungsgesellschaft.
  • Finanzen: Finanzielle Vorteile kann es durch die Implementierung eines UMS viele geben, direkte oder indirekte; z. B. durch Aufträge, die an ein Zertifikat geknüpft sind, das hohe Maß an Rechtssicherheit, das (inzwischen geforderte) risikobasierte Denken samt der Identifizierung und besseren Nutzung von Chancen etc. Steuern sparen Organisationen hingegen am ehesten mit einem Nachweis, der sich auf die Steigerung der Energieeffizienz und der Reduzierung des Energieverbrauchs bezieht, also z. B. mit einem Zertifikat nach ISO 50001 o. Ä.

Der Wirklichkeit kommt man wahrscheinlich am nächsten, wenn man einen gewichteten Mix aus allen Beweggründen annimmt. Wenigstens aus psychologischen Gründen scheint mir aber dennoch der erste Punkt der wichtigste zu sein: Denn damit ein Umweltmanagementsystem (wie auch jedes andere Managementsystem) wirklich gelebt wird, also funktioniert, müssen auch die Mitarbeiter im Boot sein – das braucht Überzeugungskraft. Ich glaube nicht, dass externe Forderungen, Imagegründe oder finanzielle Aspekte als Argumente in dieser Hinsicht  ausreichend identifikationsstiftend und somit wirksam sind. Gemeinsam einen auch von ideellen Beweggründen beflügelten, aktiven Umweltschutz betreiben, den eine oberste Leitung idealerweise noch vorlebt, schon eher. Alle anderen Aspekte kommen dann (mit Sicherheit) fast wie von selbst zum Tragen.

Davon könnte es auch abhängen, ob das Zertifikat an der Wand mehr ist als nur ein Stück Karton!

 

Über den Autor:

Peter Blaha, geboren 1954 in Frankfurt am Main, ist freier Journalist mit Spezialisierung auf „Managementsysteme“ und „Weinwirtschaft“ und DGQ-Mitglied. Er widmet sich neben der Erstellung von Fachbeiträgen seit jeher (und mit Vorliebe) dem nach seiner Meinung oft viel zu wenig beachteten Phänomen unklarer bis kurioser Formulierungen und Schreibweisen in der deutschen (Q-)Sprache. Wer dabei eine gewisse Nähe zur Argumentation des bekannten Journalisten Wolf Schneider zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch.

2 Kommentare bei “Warum eigentlich ein Umweltmanagementsystem einführen?”

  1. c11a11a771a6c0e4bc505e85852e948d Detlef Volke sagt:

    Sehr schön geschrieben Herr Blaha!
    Auch wenn die erlebte Wirklichkeit dem nur nahe kommt 😉
    Recht haben Sie mit ihren Aussagen…

  2. 9c8c5838b7d8ec408e21ee5205c0db9c Andreas Linsinger sagt:

    Hallo Herr Blaha,
    „ein Stück Karton im Foyer“, sehr schön formuliert. Warum gehen wir nicht einmal Ihrer Frage nach: „Wer hat das denn zertifiziert?“ Ich finde genau diese Frage deutlich zu wenig diskutiert, denn an der Antwort hängen viele Ursachen für nicht-gelebte Managementsysteme. Nach vielen Jahren der Beratung und Begleitung von 3rd Party Audits mit allen namhaften Zertifizierern kann ich sagen: je konsequenter extern auditiert wird, desto ernsthafter wird intern an Anwendung und Weiterentwicklung von QMS und Prozessen gearbeitet. Da es sich bei der Zertifizierung von Managementsystemen aber um eine kommerzielle Geschäftsbeziehung zw. Unternehmen und Zertifizierer handelt, fallen viele Auditberichte eher als „Gefälligkeitsgutachten“ denn als anspruchsvolle Stichprobenprüfung aus, die ein Audit sein sollte.
    Hat ein Unternehmen dies ein-, zweimal erlebt, wird die Einstellung und Bereitschaft zur Anwendung und Pflege des Managementsystems dem Überwachungsanspruch angepasst. Ganz einem Schulkind, dass seine Hausaufgaben in der Regel so gründlich macht, wie der Lehrer es erwartet und überprüft.

    Ihre Liste an Argumenten zur Einführung von UMS sind alle richtig. Ich würde noch einen weiteren Punkt ergänzen: die sorgfältige Erstprüfung und laufende Überwachung aller UM-Aktivitäten durch eine neutrale externe Instanz. Also eine sichtbare Einstiegshürde in den Club der 7.700 Unternehmen, die nachweislich mehr und zielorientierter für Umweltschutz arbeiten als nicht-zertifizierte Unternehmen.

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