Vergessen Sie’s! – Die Zukunft27 | 10 | 20

Seit Januar mache ich nun monatlich Vorschläge für das Vergessen. Und suche demnach alle vier Wochen nach einem neuen Thema. Oft beginnt das Schreiben für diese Serie mit einer vagen Idee, einem Begriff, manchmal einem Wortspiel. Seit Tagen geht mir nun dieser Titel nicht aus dem Kopf: Vergessen Sie’s – Die Zukunft. Seine Mehrdeutigkeit, seine verstörende Aussage, seine disruptive Kraft.

Zuerst einmal: wir können nur vergessen, was wir wissen. Wir können die Zukunft nicht kennen, haben aber trotzdem ein zum Teil verblüffend konkretes Bild von ihr. Mit diesem konkreten Bild gehen wir ein großes Risiko ein, nämlich, dass unsere erwartete Zukunft nicht nur nicht eintritt, sondern ganz anders wird und wir uns auf die falsche Zukunft vorbereitet haben.

Es gibt nämlich drei Zukünfte. Die Zukunft, die wir erwarten, die Zukunft, die über uns hereinbricht, und die Zukunft, die wir gestalten. Die Zukunft, die wir erwarten, entsteht bei den Allermeisten von uns durch Extrapolation und Projektion. Wir extrapolieren, also verlängern Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft. Das heißt, wir erwarten, dass mehr von etwas oder weniger von etwas kommt, je nachdem, welche bisherigen Trends wir erkennen. Projektion ist oft Wunschdenken, das kann utopisch, schön, oder dystopisch, schrecklich, sein. Meistens kommt es ganz anders. Das Riskante ist nun, dass wir uns dann gegen die Erkenntnis und die neue Realität wehren, weiter unseren nun obsoleten Plänen folgen und zu lange brauchen, um das Richtige für die neue, unerwartete Situation zu tun.

Die Zukunft, die über uns hereinbricht, im Guten wie im Schlechten, ist in vielen relevanten Aspekten unvorhersehbar. Die Zukunftsforschung benutzt Begriffe wie „Wild Card“ oder“ Black Swan“, um unvorhergesehene Ereignisse zu bezeichnen, die zu gravierenden Veränderungen führen und damit den Lauf der Dinge maßgeblich verändern. Wir müssen immer damit rechnen, dass sie auftreten. Manchmal ahnen wir, was es grundsätzlich sein könnte: eine Disruption in unserer Branche, eine Pandemie, eine sogenannte Singularität, wie z.B. der Punkt, an dem Künstliche Intelligenz in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren. Aber selbst, wenn wir sie erahnen, wissen wir immer noch nicht wann und wie und mit welchen konkreten Konsequenzen sie eintreten.

Ein Stück weit können wir die Zukunft auch gestalten und beeinflussen. Das gilt für die kleinen Linien eher, als für die großen. Wir beeinflussen in einem gewissen Rahmen, wie sich unsere Familie, unser Team, unser Unternehmen entwickeln wird, weil unsere konkreten Entscheidungen die Gegenwart und die Zukunft verändern. Nur ganz wenige beeinflussen die globale Zukunft, werden zum „Game Changer“. Etwas zu erfinden oder zu tun, das die Welt und die Zukunft verändert, lässt sich nicht erzwingen. Wir schauen auf die, denen das gelingt und sehen nicht mehr die Zehntausenden, die ähnliches versucht haben und scheiterten.

Was hat das mit dem Qualitätsmanagement zu tun? Die erwartete Zukunft unseres Unternehmens, unseres Fachgebietes, unserer zukünftigen Aufgaben, Funktionen und Rollen entstehen auch bei uns selbst meistens durch Extrapolation und Projektion. Die Innovationsdynamik und die resultierende Veränderungsdynamik sind aber so groß, die Situation und Herausforderungen so neu und andersartig, dass unsere Visionen und die darauf ausgerichteten Pläne und Konzepte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eintreffen und nicht geeignet sein werden.

Vergessen Sie also die Zukunft, die sie schon zu kennen glauben. Rechnen sie damit, dass die Zukunft signifikant anders sein wird. Planen sie doch einmal für ganz andere Szenarien als bisher, auch für diametral unterschiedliche. Planen sie einmal das Qualitätsmanagement in Ihrem Unternehmen ohne eine Qualitätsmanagementabteilung. Eine Qualitätssicherung, die vollständig digital ist. Und entwickeln sie die strategische Agilität, sich im Fall der Fälle sofort von bisherigen Vorstellungen, Plänen und Konzepten zu lösen, um ganz schnell neue zu entwickeln und umzusetzen. Vorher schon sehr unterschiedliche Szenarien durchdacht zu haben, bereitet darauf sehr gut vor.

Unsere aktuellen DGQ-Impulspapiere zum Thema QM und QS im Wandel sollen Ihnen dabei helfen. Sie basieren auf der Annahme, dass wir das bisherige Qualitätsmanagement nicht weiter in die Zukunft extrapolieren dürfen, sondern ganz andersartige Wege gehen müssen. Ob das dann später die besten Wege gewesen sein werden, wissen wir heute nicht. Wir werden aber selbst auch immer besser und schneller darin, weitere Wege zu finden und nicht funktionierende auch wieder zu verlassen. Sind Sie dabei, wenn wir in der DGQ mehr und andere Zukünfte skizzieren und zusätzlich auch gemeinsam daran arbeiten, sie zu gestalten?

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff analysiert für die DGQ Trends und richtet die Themenarbeit des Vereins darauf aus. Mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ arbeitet er an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft und Gesellschaft und besonders das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung beeinflussen und prägen werden. Er hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert und ist seit 21 Jahren in unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen für die Deutsche Gesellschaft für Qualität tätig.

Ein Kommentar bei “Vergessen Sie’s! – Die Zukunft”

  1. 9dcc9c922ba882703748f693afc98cdc Pasqual Jahns sagt:

    Ein spannender Artikel, Danke!

    Da bin ich mal gespannt, ob man aber als eher fehlervermeidend geprägter QM’ler auch den Sprung zum Innovationsbeschleuniger schafft….

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