Qualitätsmanagementsystem – wie liest man das richtig?1 | 07 | 16

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Es wird ja immer wieder einmal diskutiert, wie man mit dem Wort Qualitätsmanagementsystem eigentlich umgehen sollte. Ist ein Qualitätsmanagementsystem ein System für das Qualitätsmanagement oder ist es ein Managementsystem bezüglich der Qualität? Gibt es da überhaupt einen Unterschied? Und: Welche Auswirkung haben Definitionen aus ISO 9000:2015 auf die Schreibweise des komplexen Kompositums.

Solange man Qualitätsmanagementsystem zusammenschreibt, ist das unverfänglich, weil man sich ja nicht durch das Setzen eines Bindestriches auf eine bestimmte Bedeutung festlegt. Das mag auch der Grund sein, warum nicht nur die entsprechenden Normen, sondern auch manche mit dieser Vokabel etwas intensiver konfrontierte Organisationen das so handhaben.

Das auf den ersten Blick unübersichtliche Wort Qualitätsmanagementsystem ist aufgebaut aus drei für sich schon komplexen Substantiven, die man selbst bei erhaltener Reihenfolge inhaltlich noch unterschiedlich zuordnen kann. Qualität geht, wie oben bereits erwähnt, mit Management genauso zusammen wie Management mit System. Welche Struktur das Dreier-Kompositum hat, wird bei dieser Art der Bildung dadurch festgelegt, welcher Teil als Grundwort gilt und welcher als Bestimmungswort.

Was gehört wohin?

Macht man System zum Grundwort, sagt das Bestimmungswort Qualitätsmanagement, welcher Art das System ist resp. wozu es dient. Das Qualitätsmanagement würde dann also anhand eines Systems strukturiert. Macht man Managementsystem zum Grundwort, erläutert das Bestimmungswort Qualität, auf welche Disziplin das Managementsystem zielt. Man könnte sich, wenn man es isoliert betrachtet, durchaus beiden Varianten anschließen, ohne dass dabei etwas verlorenginge – allerdings nur auf den ersten Blick.

ISO 9000:2015 sagt dazu Folgendes (3.5.3): Ein Managementsystem ist ein „Satz zusammenhängender oder sich gegenseitig beeinflussender Elemente einer Organisation, um Politiken, Ziele und Prozesse zum Erreichen dieser Ziele festzulegen“. Und in 3.5.4: Ein Qualitätsmanagementsystem ist „Teil eines Managementsystems bezüglich der Qualität“. Man fragt also, welchem Bereich – die Norm nennt das Disziplin – das System konkret dient.

QM-System geht nicht

Wer dieser Festlegung der inhaltlichen Struktur folgt, muss, wenn er einen Bindestrich verwenden will, auf jeden Fall Qualitäts-Managementsystem schreiben. Womit die Abkürzung QM-System hinfällig ist! Eine andere Folge dieser Erkenntnis ist, dass das Wort Qualitätsmanagement in dem Wort Qualitätsmanagementsystem gar nicht enthalten ist, sondern nur zufällig und insofern ohne inhaltliche Aussage entsteht.

Auch wenn (Qualitäts-)Management in ISO 9000:2015 an anderer Stelle (3.3.3 bzw. 3.3.4) definiert ist als „aufeinander abgestimmte Tätigkeiten zum Führen und Steuern einer Organisation (bezüglich der Qualität)“ und diese Definition eigentlich wunderbar in das Wort Qualitätsmanagementsystem im Sinn von Qualitätsmanagement-System hineinpassen würde: So ist es laut Norm nicht gedacht! Der Grund liegt darin, dass eine Organisation nur ein einziges Managementsystem haben kann, in das die verschiedenen Disziplinen wie Qualität, Umwelt, Energie, Informationssicherheit etc. integriert sind.

Welche Schreibweise dann?

Dass sich diese fundamentale Erkenntnis in der Schreibweise von zentralen Wörtern (und deren Abkürzungen) widerspiegeln sollte, ist – glaube ich – keine übertriebene Forderung. Ein QM-System sollte also ebenso wenig vorkommen wie ein UM-System (EnMS für Energiemanagementsystem ist dagegen völlig korrekt). ISO 9000:2015 kürzt Qualitätsmanagementsystem konsequent mit QMS ab, ISO 9001:2015 kürzt es gar nicht ab, ebenso bleibt in ISO 14001:2015 das Wort Umweltmanagementsystem grundsätzlich lang. Die Argumentation belegt im Übrigen auch, dass die Schreibweise Informationssicherheits-Managementsystem korrekt ist. Daneben geht nur die Zusammenschreibung, die durchgekoppelte Variante und die Abkürzung ISMS.

Wird auf die Schreibweisen QM-System und hin und wieder Qualitätsmanagement-System nun verzichtet werden? Kaum, denn wir haben ja als vernünftige Lösung nur das geläufige Qualitätsmanagementsystem anzubieten. Das rare Q-Managementsystem ist als Abkürzung untauglich, das insiderhafte QMS versteht man nicht unbedingt überall. Das eigentlich klar strukturierte Qualitäts-Managementsystem bleibt – durch den recht weit am Anfang stehenden Bindestrich – evtl. ungewohnt.

Bindestriche nach Gusto?

Einem Einwand notorischer QM-System-Schreiber kann man allerdings schon einmal vorab begegnen: Bindestriche können zwar theoretisch an allen Nahtstellen eines Kompositums gesetzt werden, aber nur, wenn sie den Sinn bzw. die Struktur des Kompositums nicht verändern. Bei Qualitätsmanagementsystem fällt das wegen der für sich genommen durchaus sinnvollen Kombinationsmöglichkeiten kaum auf.

Bei diesem Beispiel schon: Der berühmte Donaudampfschifffahrtskapitän bietet auf den ersten Blick vier solcher Nahtstellen, in die man einen Bindestrich quetschen kann. Setzt man vorsichtshalber alle vier (Donau-Dampf-Schiff-Fahrts-Kapitän) passiert nichts (alle Striche setzen geht immer!), außer dass man das Wort gut überblickt. Setzt man Striche hingegen selektiv, kann es brenzlig werden: An der ersten oder vierten Nahtstelle geht es noch (wenn auch wenig hilfreich), weil die entstehenden Teile jeweils auch für sich existieren. Setzt man den Bindestrich jedoch an der zweiten Nahtstelle, erhält man zwar einen noch korrekten Schifffahrtskapitän am Ende, erkauft aber mit einem völlig idiotischen Donaudampf am Anfang. An der dritten Nahtstelle erhält man vorne das Donaudampfschiff, hinten aber den kuriosen Fahrtskapitän.

Mir leuchtet das ein …

 

 

Über den Autor:

Peter Blaha, geboren 1954 in Frankfurt am Main, ist freier Journalist mit Spezialisierung auf „Managementsysteme“ und „Weinwirtschaft“ und DGQ-Mitglied. Er widmet sich neben der Erstellung von Fachbeiträgen seit jeher (und mit Vorliebe) dem nach seiner Meinung oft viel zu wenig beachteten Phänomen unklarer bis kurioser Formulierungen und Schreibweisen in der deutschen (Q-)Sprache. Wer dabei eine gewisse Nähe zur Argumentation des bekannten Journalisten Wolf Schneider zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch.

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