Das kleine 1×1 des BGM18 | 05 | 18

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Das 1×1 des betrieblichen Gesundheitsmanagements ist was für jeden, denn es bedeutet, Dinge zu tun, die gut für die Gesundheit sind. Bei einem genaueren Blick in die Praxis zeigt sich jedoch: Im Grunde geht es darum, Dinge zu lassen.

Gewohntes

Wir sind es gewohnt, individuell und unternehmerisch Wachstum anzustreben, in Kategorien zu denken von „mehr hilft mehr“, „wir brauchen Maßnahmen“, „wir wollen Gesundheitsressourcen aufbauen“. Konkret: den Bizeps stärker und den Rücken gerader machen, das Denken entspannen und die Lust auf die Karotte steigern.

Alles richtig. Interessant wird es jedoch, wenn Organisationen (man könnte auch von Organismen sprechen) anfangen, Dinge sein zu lassen, wie zum Beispiel unnötige Dokumentationsprozesse oder auch das Wegschauen-und-nicht-mehr-Grüßen.

Feelgoodmanager

Mit der „Anwendung des kleinen 1×1 des BGM“ bezeichnen wir hier zunächst einmal die Anwendung der klassischen Klaviatur der Gesundheitsförderung. Sprich, Maßnahmen in verschiedenen Ebenen, Feldern oder auch Arealen zu platzieren. Bekannt sind vor allem die Rückenschule am Arbeitsplatz, das Stressmanagementtraining, der Rauchentwöhnungskurs, der medizinische Checkup und die Impfvorsorge. Weitere Beispiele wären auch der Gesundheitstag und der Obstkorb. Auch hier wird es interessant, wenn wir uns einmal die (gar nicht mehr so) neuen Errungenschaften auf dem BGM-Markt anschauen: z. B. die sogenannten Feelgoodmanager in den Betrieben.

Für die alten BGM-Hasen ist es vielleicht ein Schritt zurück in der Entwicklung. Denn die Feelgoodmanager kamen vor knapp zehn Jahren in die Szene und begannen damit, Teams in den Betrieben zu „motivieren“ und alles erdenkliche anzustreben, um den Arbeitsplatz zum Wohlfühlort zu gestalten.

Sie zielen darauf ab, die Lust zu steigern für die kleinen, einfachen Dinge und für das tägliche „Feelgood“: Da steht die Obstschale schön gefüllt auf dem Tisch, es stehen Blumen auf der Fensterbank oder dem Schreibtisch und der Wasserspender funktioniert. Manch eine Mitarbeiterin traut sich nun in ihrer Pause im Ruheraum ein paar Minuten die Augen zuzumachen. Der Nächste macht im eigenen Büro auf der Yogamatte Entspannungsübungen oder geht in den Flur und spielt sich mit Kollegen und Kolleginnen am Kicker den Stress von der Seele. Ging es dem BGM nicht um mehr? Um die große Verheißung „gesunde Arbeit“?

Der große Effekt, den wir in genau diesen Feelgoodmanagern sehen, ist eines: dem heutigen Stress in den Betrieben, der Arbeitsgeschwindigkeit, -dichte und -intensität zu begegnen und den Menschen wieder ein „Du darfst!“, ein „Erlaub es Dir!“, ein „Gönn es Dir!“ zu geben. Die Perspektive „von außen auf den/die Mitarbeiter/in“ wieder auf eine Perspektive „von innen heraus aus dem/die Mitarbeiter/in“ zu schwenken. Ein „Glückwunsch, danke dass es Euch gibt!“

Wir, die Unternehmen und Mitarbeiter/innen, arbeiten zusammen auf einer Basis mit mehr Vertrauen – beidseitigem Vertrauen – mehr Miteinander und weniger Gegeneinander. Es könnte die Basis für den Weg zur großen Verheißung sein, oder?

Alter Standard

Viele Krankenkassen bedienen die klassischen Handlungsfelder der Gesundheitsförderung in den Betrieben. Basis dazu ist meist eine breite Analyse relevanter Parameter zur Mitarbeiter- und Arbeitssituation. Die Mitarbeiterbefragung und der Gesundheitsbericht bzw. Fehlzeitenreport sollen aufdecken, was genau zu tun ist. Oder wo der Schuh drückt. Legitim, nicht falsch, steht im Badura-Lexikon ebenso wie im Gewerkschaftsflyer und ist gut gemacht auch gut.

Neuer Standard?

Manchmal wird aus unserer Sicht eine „reife“ Firma daran erkennbar, dass sie sich bewusst von der großen Befragung verabschiedet. Und das steht nicht in den einschlägigen wissenschaftlichen Lektüren und Checklisten.

Denn manchmal steigt die Qualität des kleinen 1×1 des BGM enorm, wenn die Passung von Maßnahmen zur Situation und zu den Bedürfnissen der Belegschaft nicht mehr aus der abgeschlossenen Analyse im vorangegangenen Jahr kommt, sondern aus ständigen Feedbacks oder auch nur Resonanzen oder Gesprächen mit Mitarbeiter/innen.

Gesundheitsförderung lebt, wenn Dinge ausprobiert werden. Wenn permanent Prozesse gefahren werden, die es ermöglichen, Rückmeldungen zu geben, Freiraum zum Mitgestalten zu lassen und Entscheidungsinformationen fast in Echtzeit zu generieren. Machen Sie systematisch Besuche oder Interviews, messen Sie Teilnahmerzahlen, hören Sie in der Kantine zu. Fragen Sie ihre Pförtner/innen nach der Stimmung und die Lieferanten ebenso. Aber bitte systematisch und – sicherlich am schwierigsten – nachdem Sie geklärt haben, wozu Sie eigentlich in „Gesundheit investieren“ woll(t)en.

Ergo?

Wie bei der Kindererziehung macht es Sinn, gewisse Erfahrungen zu machen, auf die Kompetenzen des Einzelnen zu vertrauen – und „die emotionale Kompetenz“ weiter zu stärken.

Die Aufklärung aus breiten Analysephasen mit 10-seitigen Befragungen hat was, definitiv. Vielleicht entscheiden Sie sich nach einer solchen Analyse das nächste Mal selbiges zu wiederholen, weil es bei Ihnen funktionierte und nicht weil man das so macht. Oder Sie entscheiden sich auf andere Art und Weise herauszufinden, wie Sie die Gesundheit dieser manchmal doch so unbekannten Masse der Mitarbeiter/innen fördern könnten. Konkret,  welches 1×1 des BGM Sie in Ihrem Hause brauchen.

Vorsicht, die Sehnsucht nach Mitarbeiter-Feedback könnte, einmal gestartet, schnell wieder entflammen, wenn die Welt mal wieder etwas anders geworden ist.

Herzlich Grüße,

Ihr Team gailus.ORG

Autoren: Andreas Gailus, Johannes Wördemann, Christine Breitbach, Julia Kübler, Corinna Perron

Über den Autor:

Andreas Gailus ist Geschäftsführer von gailus.ORG und berät Unternehmen bei Projekten in der Organisationsentwicklung und dem betrieblichen Gesundheitsmanagement. Seit 2013 ist er auch als Trainer bei der DGQ tätig.

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