COVID-19 – eine Bewährungsprobe für die IATF 169493 | 07 | 20

COVID-19 und Auswirkungen auf IATF 16949

Die Vorteile einer Zertifizierung des Qualitätsmanagementsystems liegen mittlerweile für die Meisten auf der Hand: Es sichert die Fähigkeit eines Unternehmens, unter Einhaltung gesetzlicher und behördlicher Vorgaben, beständige Produkte zu liefern, es minimiert Risiken und erhöht die Kundenzufriedenheit. Auch die Unternehmen der Automobilindustrie erhoffen sich von der Zertifizierung nach IATF 16949 eben diese Vorteile. Aber inwiefern haben sich die Werkzeuge der Norm in dieser Pandemie tatsächlich als hilfreich erwiesen?

Die von der IATF 16949 vorgegebenen Notfallpläne

Zuallererst sind hier die Notfallpläne aus Kapitel 6.1.2.3 zu nennen. Diese wurden erst im Herbst 2019 mit der sanktionierten Interpretation Nr. 17 in vielen Unternehmen angepasst und um Cybersicherheitstests ergänzt. Die Forderung der IATF an dieser Stelle ist recht sportlich: die Aufrechterhaltung der Lieferkette, egal was auch passiert.
Selbstverständlich hat auch die IATF während der Lockdown-Phase eingesehen, dass es Situationen gibt, die ein Herunterfahren der Lieferkette notwendig machen. Das Szenario Pandemie war in den allermeisten Notfallplänen nicht aufgeführt, teilweise dafür aber ein atomarer Erstschlag, der das Produktionsband zum Stehen bringt. In der Zwischenzeit haben nun einige Unternehmen ihre Notfallpläne dahingehend ergänzt und auch eine Pandemie als möglichen Notfall aufgenommen.

Auch wenn die meisten von uns eine solche Pandemie nicht haben kommen sehen: Die Unternehmen, die sie in ihren Notfallplänen berücksichtigt hatten, hatten z.T. einen erheblichen Vorteil beim Wiederanlauf der Produktion, weil u.a. medizinische Ausrüstung (bspw. Masken) vorhanden war und ggf. sogar ein Hygienekonzept vorlag. Wir können also davon ausgehen, dass bei der nächsten Pandemie die Unternehmen deutlich besser vorbereitet sein werden. Die Bewertung von Notfallplänen durch die oberste Leitung, wie sie von der IATF gefordert wird, könnte durchaus in den Fokus zukünftiger Audits gelangen. Das macht nun endlich deutlich: auch Notfallpläne sind lebende Dokumente – auch wenn es in Audits oftmals anders wirkt.

Nach dem Notfallplan ist vor dem Wiederanlaufkonzept

Anknüpfend an Notfallpläne sind auch sog. Wiederanlaufkonzepte gefordert, um sicherzustellen, dass auch nach wie vor Kundenspezifikationen eingehalten werden. Nach dem, was wir bisher in der Zulieferkette gesehen haben, wurde dieser Punkt bei den meisten Unternehmen unberücksichtigt gelassen. Produktionen wurden hochgefahren, als wäre nie etwas gewesen. Einige Unternehmen, vor allem solche, die vor Corona drei Schichten gefahren sind, jetzt aber nur noch in zwei Schichten produzieren, haben festgestellt, dass eine gewisse Evaluierung der Prozesskonformität notwendig ist. Aus Q-Perspektive vorbildlich gehandelt haben Unternehmen, die, wie für einen Maschinenausfall definiert, eine reduzierte Erstmusterprüfung durchgeführt haben.

Wie wirksam sind die Instrumente der IATF 16949 im Krisenfall?

Notfallpläne und sonstige Instrumente, wie sie in der IATF 16949 gefordert sind, konnten den Unternehmen bisher nur bedingt einen Vorteil in der Corona Krise schaffen. Hierbei muss man aber auch beachten, dass keine Norm eine vollumfängliche Prävention gegen eine solche Pandemie bieten kann. Den Anspruch haben Normen auch nicht, denn sie müssen von einer gewissen Normalität ausgehen. Erfreulich war es aber zu sehen, dass Themen der IATF 16949, die bisher als eher sehr abstrakt und theoretisch betrachtet wurden, nun ihre Wirksamkeit zeigen konnten. Mussten viele Mitarbeiter ins Homeoffice ziehen und Produktionsschichten zeitlich und räumlich versetzt werden, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, kam es mehr denn je auf die Themen Kommunikation (Kapitel 7.4) und Dokumentierte Information (7.5) an. Besonders die Anforderungen an die Kommunikation wurden in vielen Auditergebnissen in der Vergangenheit unberücksichtigt gelassen. Wenn wir davon ausgehen, dass der Anteil von Remote Working in Zukunft deutlich zunehmen wird, werden sowohl eine gesteuerte Kommunikation, als auch dokumentierte Informationen in Zukunft noch mehr zum Unternehmenserfolg beitragen.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch IATF-zertifizierte Unternehmen durch Corona vor erheblichen Herausforderungen standen bzw. teilweise immer noch stehen. Jeden IATF-Auditor wird es aber freuen zu sehen, dass auch in einer Ausnahmesituation wie dieser Pandemie die IATF 16949 mit ihren Instrumenten durchaus dazu beitragen kann, dass gesetzliche und behördliche Vorgaben weiterhin eingehalten und auch die Kundenzufriedenheit erhalten bleiben kann.

Über den Autor:

Herr Björn Bertel (M.Sc.) hat sich schon sehr früh in seiner Ausbildung und Karriere auf das Thema Qualitätsmanagement fokussiert. Nach seinem Maschinenbaustudium and der Ruhr-Universität Bochum war er zunächst mehrere Jahre in der Automobilzulieferindustrie tätig. Seit 2017 ist er erfolgreich als Auditor und Berater für die Themen Qualitätsmanagement, Informationssicherheit und Datenschutz weltweit tätig.

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