Wie lässt sich die Attraktivität des Berufsfeldes Pflege verbessern? – DGQ-Mitglieder antworten17 | 11 | 21

In der Pflege stecken wir in einem Dilemma: Die Bevölkerungspyramide steht auf dem Kopf und forciert den Pflegebedarf. Gleichzeitig stagniert die Zahl der Auszubildenden und es gibt eine zunehmende Zahl an Berufsabbrechenden. Die Politik muss reagieren und tut das auch seit einiger Zeit mit mäßigem Erfolg. Für die neue Bundesregierung besteht sofort Handlungsbedarf.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen: Was beeinflusst eigentlich die Berufswahl? Und was führt dazu, dass Menschen im Laufe des Lebens den lang ausgeübten Job an den Nagel hängen?

Es mag viele intrinsische Gründe für einen individuellen Berufswunsch geben. Aber was kann von außen getan werden, um das Berufsfeld attraktiver zu gestalten und Menschen, die sich für eine Ausbildung entscheiden auch später zu motivieren, im Pflegeberuf zu bleiben?

Die DGQ hat ihre Mitglieder gefragt, womit die Attraktivität im Berufsfeld Pflege verbessert werden könnte und dafür fünf Auswahlmöglichkeiten vorbereitet. Diese leiteten sich aus Forderungen der Parteien bei der Bundestagswahl ab. Die Befragungsteilnehmenden konnten die Liste nach Belieben erweitern. Insgesamt waren es am Ende 10 Punkte. Dabei hatten es die zuletzt von Leserinnen und Lesern hinzugefügten Themen etwas schwerer, weil die zuvor Teilnehmenden diese Auswahlmöglichkeiten nicht berücksichtigen konnten.

Die Umfrage war anonym und sollte ein Meinungsbild liefern. Tatsächlich haben im Zeitraum einer Woche 22 Personen teilgenommen und insgesamt 89 Stimmen abgegeben, Mehrfachnennungen waren erwünscht.

Im Ergebnis steht vorneweg eine „deutlich höhere Entlohnung“ mit 17 Stimmen. Diese Forderung unterstützen gut 77 Prozent der Teilnehmenden, dicht gefolgt von der Flexibilisierung der Arbeitszeit (73 Prozent). Beinahe zwei Drittel (64 Prozent) sieht in kleinen selbstständigen Pflegeteams die Chance für eine Attraktivitätssteigerung des Berufsfelds. Andere Themen, die ausgewählt wurden, sind die Trennung von Medizin und Pflege, mehr Personal, ein Ende der Rennpflege, die Verbesserung digitaler Kompetenzen und eine Anhebung des Qualifikationsniveaus.

Dass die Entlohnung bei dieser Umfrage für so wichtig gehalten wird, ist eine Überraschung. Denn viele Pflegekräfte fordern in erster Linie mehr Personal und ausdrücklich nicht mehr Geld – wie zuletzt beim größten Warnstreik in der Geschichte der Charité Berlin im September. Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass für die Attraktivität eines Berufes zuerst die Freude daran eine Rolle spielt.

Dennoch hat die Forderung nach Lohnanhebungen eine gewisse Berechtigung. Ein Vergleich: Obwohl Statistiken alle möglichen Haken haben und ein Datenvergleich über Ländergrenzen eine ganz besondere Herausforderung darstellt – in Skandinavien gibt es zum Beispiel keine Altenpflege, was einen Vergleich erschwert – so lässt sich doch eine Tendenz erkennen, die etwas mit der Wertschätzung für Arbeit in der Gesellschaft zu tun hat. Danach liegt das Einkommen von Pflegekräften in Schweden bei 106 Prozent des Durchschnittseinkommens aller Beschäftigten, während es in Deutschland nur gut 93 Prozent sind (eigene Berechnung nach Daten des Statistischen Bundesamts, 2021).

Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein ähnlich widersprüchliches Feld. Denn in der Pflege sind viele Menschen teilzeitbeschäftigt. Software-Hersteller und Pflegedienstleitungen wissen davon ein Lied zu singen, weil in vielen Pflegeeinrichtungen haufenweise Zeitkorridore zu hoch komplexen Dienstplan-Szenarien führen. In der Realität fehlen andererseits Pflegekräfte. Und so springen viele Kolleginnen und Kollegen mehr oder weniger gezwungener Maßen ein, um Lücken zu füllen. Das bedeutet, dass die Arbeitszeitmodelle häufig existieren, aber aus Ressourcen-Gründen nicht genutzt werden können. Darüber hinaus sind dies zum größten Teil Dinge, die nicht durch die Politik beschlossen, sondern von Tarifpartnern ausgehandelt werden. Der Adressat für diese Forderung ist also zum Teil die Pflege selbst. Aber nur ca. ein Zehntel der Pflegekräfte ist gewerkschaftlich organisiert. Daran müsste sich etwas ändern, wenn die Arbeitnehmerseite ihre Forderung nach höherer Entlohnung durchsetzen möchte.

Anders sieht es bei der Verschlankung der Organisationseinheiten in der Pflege aus. Hier müsste die Politik handeln, indem sie bürokratische Hürden abbaut und fachliche Kompetenz aufwertet. Beide Dinge sind nur gesetzgeberisch zu lösen. Sie verursachen darüber hinaus keine Kosten, sondern führen volkswirtschaftlich sogar zu Einsparungen. Hier spielen im Übrigen auch mehrere andere Themen eine Rolle, nämlich die Schaffung und Übernahme von Vorbehaltsaufgaben oder der Attraktivitätsvorsprung durch digitale Kompetenz. Letztere kostet allerdings tatsächlich Geld. Würde aber einen deutlichen Sprung nach vorn bedeuten.

Folgende Antworten gaben die Teilnehmenden auf die Frage: “Wie lässt sich aus Ihrer Sicht die Attraktivität des Berufsfeldes Pflege verbessern?“ Die ersten fünf Antworten hatte die DGQ vorbereitet. Die Möglichkeiten sechs bis zehn haben die Befragenden ergänzt.

  1. Kompetenzerweiterung durch Vorbehaltsaufgaben und die dauerhafte Übernahme von Aufgaben vor allem aus der Medizin (27,3 Prozent)
  2. Flexiblere Dienstplanung, beispielsweise mit Arbeitszeitkonten oder bedarfsgerechteren Kinderbetreuungsangeboten (72,7 Prozent)
  3. Ausbildungsoffensive zur Verbesserung digitaler Kompetenzen und mehr Einsatz von sinnvoller intelligenter Technik (40,9 Prozent)
  4. Selbstständige, schlanke (bürokratiearme), fachorientierte Pflegeteams (63,6 Prozent)
  5. Deutlich höhere Vergütung (77,3 Prozent)
  6. Verlängerung der Ausbildung auf 4 Jahre mit Erlangen der Fachhochschulreife (13,6 Prozent)
  7. Wegfall des „akkordbasierten Ansatzes“ bei der Pflege (50 Prozent)
  8. Klare Trennung zwischen Pflege und medizinischer Betreuung (18,2 Prozent)
  9. Ausreichend Personal damit keine „gefährliche Pflege“ stattfinden muss (31,8 Prozent)
  10. Bundesweit verbindliche Verknüpfung von Vorbehaltsaufgaben mit jeweils einem definierten Qualifikations-Niveau (9,1 Prozent)

Wie ist Ihre Meinung dazu? Welche der hier genannten Punkte tragen zur Verbesserung bei? Welche fehlen noch?

Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare!


Quellen

https://www.scb.se

https://www.destatis.de/

https://de.statista.com/

Über den Autor:

Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.

4 Kommentare bei “Wie lässt sich die Attraktivität des Berufsfeldes Pflege verbessern? – DGQ-Mitglieder antworten”

  1. 44067b1c1599613806a90347d510bf07 Regina Roos sagt:

    Sehr gute Zusammenfassung. Was mir fehlt sind die Themen :
    – digitale Assistenz Systeme
    – Roboter in der Pflege
    – Netzwerken und Benchmark
    – Soziale und Emotionale Integration der Kunden in der Pflege

    Generell sollte der Begriff Patient gegen Kunden ausgetauscht werden

  2. Holger Dudel sagt:

    liebe Regina,
    vielen Dank für die Anregungen. Die ersten beiden Spiegelstriche finden nach meiner Auffassung mit 3., zweiter Halbsatz „mehr Einsatz sinnvoller intelligenter Technik“ zu 41 Prozent Zustimmung.
    Bei den weiteren Spiegelstrichen wäre spannend zu erfahren, wie nach Deiner Meinung die Attraktivitätssteigerung im Berufsfeld mit diesen Themen laufen sollte!
    Zur emotionalen Integration assoziiere ich mehrere Themen aus unterschiedlichen Perspektiven. Pflegefachlich findet sich der Bereich v.a. im Modul 3 des Strukturmodells wieder, das u.a. leitend für die Pflegeplanung in der Langzeitpflege ist. Berufspolitisch gehe ich von einem Risikofaktor aus, weil die emotionale Einbindung in dem Berufsfeld nachweislich eine Burnout-Symptomatik fördert. Sozialpolitisch würde ich eher anders herum argumentieren: Integration der Pflege in den Lebensalltag von Menschen.
    Die Bezeichnung der Leistungsempfänger im Zusammenhang mit Pflege ist in Deutschland mit vielen Emotionen verbunden und spiegelt die anhaltende Pionierphase der fachlichen Emanzipation. Aus der Q-Perspektive fällt es uns scheinbar leicht, von (Pflege-)Kunden zu sprechen. Eventuell taugt dieses Konzept auch als Überbegriff. Aber in der Praxis wird ein:e QMB im Heim kaum den Begriff Kundin/Kunde, noch gar Patient:in nutzen können. Außerdem muss daran erinnert werden, dass wir es hier nicht mit einem klassischen Lieferanten-Kunden-Verhältnis zu tun haben, weil wir uns im sozialrechtlichen Dreieck bewegen. Die rechtlichen Begriffe sind nun auch in die Sprache der Leistungserbringer eingegangen. Das mag irritieren, schadet aber eigentlich auch nicht?

  3. e4ca1de97434f0bc839ec2ff2c50d58b G. Bader sagt:

    Die häusliche Pflege wünschen sich doch die meisten alten Menschen. Sie möchten in ihrer gewohnten Umgebung auch bei gesundheitlichen Einschränkungen bleiben und Pflegeheime vermeiden.
    Dieser Situation sollte auch beim Thema Pflege allgemein durch unternehmerische Möglichkeiten (wie im Handwerk die Handwerksbetriebe als „flexible Pflegebetriebe“) bereits in der Ausbildung mehr Gewicht beigemessen werden,

  4. Holger Dudel sagt:

    Zu den Pflichteinsätzen der sogenannten generalistischen Pflegeausbildung gehört in den ersten beiden Ausbildungsjahren die ambulante Pflege mit 400 Stunden praktischer Ausbildung. Das entspricht einem Drittel der Ausbildungszeit der allgemeinen Versorgungsbereiche und ist erheblich mehr, als in der Krankenpflege-Ausbildung, die durch die Generalistik im vergangenen Jahr abgelöst wurde.

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