Vergessen Sie’s! – Quality Function Deployment (QFD)28 | 07 | 20

In den 1960ern entwickelte der Japaner Yoji Akao das Quality Function Deployment (QFD), eine Methode zur systematischen Transformation von Kundenanforderungen in Qualitätsmerkmale und der Qualitätsmerkmale in Prozessmerkmale. Toyota übernahm sie in den 70ern. Damals richteten sich immer mehr Blicke auf Japan und insbesondere Toyota, erkannten doch immer mehr Manager weltweit, dass die Japaner bezogen auf Qualität und Kundenorientierung beste Praktiken einsetzten. Und Toyota war viele Jahre das internationale Flaggschiff einer japanischen und dann internationalen Qualitätsbewegung. In den 1980ern erfreute sich auch das QFD international einer wachsenden Bekanntheit.

In der heutigen digitalen Zeit mutet es befremdlich an, wenn Akao und Zeitgenossen beschreiben, wie die mit einem „Dach“ zum House of Quality ergänzten riesigen QFD-Matrizen die Wände von Büros und Besprechungsräumen pflasterten. QFD fügte sich nahtlos in den damaligen modernen Kanon der Total Quality Management-Methoden ein. Seitdem ist QFD in jedem QM-Kompendium genannt oder beschrieben, ist in jeder umfänglichen QM-Ausbildung Thema. Wenn Sie im Qualitätsmanagement tätig sind, haben Sie davon gehört und gelesen. Aber haben Sie jemals QFD betrieben? Ich bin mir ziemlich sicher, dass maximal eine Handvoll Prozent der heutigen Qualitätsmanagerinnen und Qualitätsmanager jemals ein QFD Projekt gemacht haben und nur wenige Promille die Methode regelmäßig betreiben.

Das Qualitätsmanagement ist, wie andere Disziplinen auch, geprägt durch historische Meilensteine und bedeutende Persönlichkeiten sowie die Geschichten, die sich darum ranken. Zu den Meilensteinen gehören die Erfindung der FMEA im Rahmen des Apollo-Projekts der NASA 1963, die erste Revision der ISO 9001 in 1987, die Gründung der EFQM in 1989. Zu den Persönlichkeiten gehören Noriaki Kano, der Erfinder des gleichnamigen Modells, William Edwards Deming, einer der Väter des TQM und eben auch Yoji Akao, der Urheber des QFD.

Wenn es stimmt, dass QFD kaum noch Anwendung findet, warum bleibt es dann in den Büchern und Trainings? Dann könnten wir es auch vergessen und an seiner Stelle relevantes aktuelles Wissen abspeichern.

Noch heute lassen sich in der Beschäftigung mit QFD einige der Schlüsselelemente des Qualitätsmanagements erkennen und aufzeigen, auch wenn wir es als isolierte Methode gar nicht mehr anwenden. Dazu gehören Kundenorientierung, die Übersetzung von Anforderungen in Qualitätsmerkmale, die Operationalisierung der Qualitätsmerkmale, die Identifikation qualitätsrelevanter Prozessmerkmale und die Berücksichtigung von Wirkungs- und Zielkonflikten bezüglich unterschiedlicher Qualitäts- und Prozessmerkmale. Wir können das anders als mit der Methode QFD adressieren, aber wir sollten es integriert und systematisch tun. Ansonsten fällt QFD einfach nur weg, ohne dass gleichwertige oder bessere Ansätze es ersetzen.

Seit 30 Jahren entstehen Innovationen in QM und QS nicht mehr als Geistesblitze einzelner Gurus, ja, gibt es gar keine neuen QM-Gurus mehr. Ansätze wie Predictive Quality, Social Media Analytics, Agiles QM oder QM als Organisationsentwicklung entstehen in Netzwerken aus Wissenschaftlern und Praktikern. Oft kommen Sie erst mit großem Zeitverzug in Bücher und Ausbildungen an, zumindest gemessen an heutigen schnellen Veränderungsdynamiken.

Heute ist das Netzwerk der Guru. Und die DGQ ist das Netzwerk. Wir innovieren das QM gemeinsam. Ob im DGQ-Fachkreis oder der DGQ-PraxisWerkstatt: dort entstehen neue Lösungen für die heutigen Herausforderungen. Und wenn wir sie haben, können wir QFD auch wieder vergessen. Und Yoji Akao. Müssen wir aber nicht. Sie haben uns vor langer Zeit im QM einen großen Schritt vorangebracht. Daran dürfen wir uns gerne erinnern.

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff analysiert für die DGQ Trends und richtet die Themenarbeit des Vereins darauf aus. Mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ arbeitet er an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft und Gesellschaft und besonders das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung beeinflussen und prägen werden. Er hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert und ist seit 21 Jahren in unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen für die Deutsche Gesellschaft für Qualität tätig.

16 Kommentare bei “Vergessen Sie’s! – Quality Function Deployment (QFD)”

  1. cfc7a7f3b3e6e94feaea482b5b447e8c Dirk Lübbermann sagt:

    Hallo Benedikt,

    Ein hoch auf uns 🙂
    Nicht nur QFD, auch um andere „mighty Q-tools“ wird ja inzwischen in der Praxis oft ein Bogen gemacht. Bevor die Einen ihre FMEA korrekt ausgefüllt haben und die RPZ vernünftig interpretieren können, haben Andere sich diese Kaffesatzleserei mit Mathe-Topping erspart und schon aus’m Bauch raus die richtigen Dinge getan, um die (meisten) erwartbaren Risiken zu senken.
    Qualität entstand früher im Kopf (Ingenieure, gründlich, denken, wissen, Fakten, analysieren) – heute kommt sie immer mehr aus’m Bauch (spontan, Instinkt, agil, schnell, nach Gefühl).
    Warum? Die Zeit zwingt uns dazu! Man kann sich das Aus-X-en nicht mehr leisten, will und muss sich unnötige Aufwände ersparen. Das Risiko dabei: Man kann auch mal daneben liegen. Oder sich von ungeprüften / „alternativen“ Fakten in die Irre leiten lassen. Aber – mal ehrlich – das war bei der FMEA ja auch ab und zu der Fall…
    Als ich das House of Quality zum ersten mal kennen gelernt habe, war ich baff, wie viel Einzel-Elemente es vereinigt. DAS Tool, um alle Q-Probleme zu erwischen! Angewendet? Hab ich es nie. Aber in Ü20 Jahren als „Qualitäter“ habe ich die Erfahrung gemacht, dass die kleinen Einzel-Elemente wirken können, wenn sie genau im passenden Moment angewendet werden. Und wenn der Mindset stimmt – die Menschen optimale Qualität und bessere Prozesse erzielen wollen.

  2. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

    Hallo Dirk. Wir brauchen Kopf und Bauch. Oder langsames (Kopf) und schnelles (Bauch) Denken, wie Daniel Kahneman und Amos Tversky es nannten. Letzlich eher mehr Mathematik als weniger. Es geht ja auch nicht darum, unmethodischer oder ohne Methoden zu arbeiten. Wir müssen viele Methoden kennen und beherrschen, um die dringend benötigten Innovationen und Problemlösungen zu erarbeiten. Unser klassisches Portfolio mit QFD and Friends reicht da bestimmt nicht aus. Rechnergestützte Simulationen z.B. könnten uns für viele Produkte mehr über Fehlermöglichkeiten sagen, als die besten Bauch-Kopfgestützen FMEAs und mehr übererforderliche Qualitätsmerkmale als jedes klassische QFD.

  3. e1e16c46b95374cd8fb05145cc34df86 Gerd Streckfuss sagt:

    Hallo Herr Sommerhoff,

    um eine Antwort zu Ihrer Überschrift zu geben, hier ein öfters geführte Diskussion:
    CEO zu R&D Manager: „Habe gehört, QFD soll eine brauchbare Methode sein…“
    R&D: “ Da steht ein Q davor, gehört in die QM“
    QM: „Wir habe es gelesen, da wird die „Kundenstimme“ verlangt, gehört zu Marketing!
    Marketing: keine Zeit….

    Natürlich werden heute Projekte in Teams und mit Projektvorgaben entwickelt, aber Methoden als Werkzeuge (Tools) gehören immer noch dazu.
    Und selbstverständlich hat sich QFD weiterentwickelt, heute im angelsächsischen Raum als „Modern QFD“.
    Japanische und amerikanische QM-Experten (mit Unterstützung des deutschen QFD-ID) haben seit 2015 eine ISO Norm zu QFD entwickelt und durchgesetzt (ISO 16355), die alle heutigen QFD Erfahrungen enthält wie:
    – Moderne mathematische Algorithmen für die Gewichtung der Kundenanforderungen/-bedüfnisse (wie Analytic Hierarchy)
    – Die Auflösung des House of Quality in die einzelnen „Räume“, um agiler zu sein
    (es gibt Bp. eine Dissertation (S.Schockert) über die Anwendung von QFD im Agilen Konsens in der Softwareentwicklung).
    – Die Auswertungen der Beziehungen untereinander werden reduziert auf die Themen Innovation und Konflikte/Widersprüche
    zwischen den Anforderungen und den Lösungsansätzen.
    – Es gibt inzwischen eine lebhafte Diskussion, wie die verschiedene modernen Entwicklungsmethoden untereinander vernetzt werden können, wie TRIZ, Conjoint, Landchester, Fuzzi, u.a.)
    Diese Liste der Weiterentwicklungen seit „Akao“ liese sich mit vielen Details fortsetzen.

    Es sind die Entwickungs-und Marketing Projektleiter, die QFD (und andere Methoden (Tools!) einsetzen,
    nicht weil sie diese „mögen“, sondern weil sie am Erfolg eines Produktergebnisses gemessen werden.

    Die Methoden in der Entwicklung werden deshalb auch an den Universitäten /TH im Bereich
    Konstruktionslehre/Methodische Entwicklung und im IT Bericht unter Softwareentwicklung gelehrt.
    Die Darstellung und Analyse der vielen Beziehungen und Abhängigkeiten der Anforderungen zu den Komponenten und zu den Komponenten untereinander ist bei den heutigen Produkten viel zu komplex, um sie mit Postskript Zettel darstellen zu können.

    Natürlich wird heute (noch) QFD weltweit (zunehmend in China), auch in Deutschland, teilweise unter einem anderen Namen,
    immer angepasst an die Unternehmensbelange, eingesetzt.
    Aber leider selten gefördert, unterstützt und weiter entwickelt von QM, darunter
    leider auch nicht (nach meinem subjektiven Eindruck) von der DGQ. Beweis: Ihre Überschrift…
    (Der letzte AK mit dem Ergebnis einer QFD-Brochure war 2001.)

    Deshalb bin ich nicht überrascht, dass die DGQ mit der Überschrift „Vergessen Sie QFD“ für dieses Thema so einsteht.
    Ob sie damit aber den QM-Fachleuten eine Gefallen macht, bezweifele ich.

    Ich freue mich auf Widerworte.

    Gerd Streckfuss

    1. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

      Herzlichen Dank für die Ausführungen, Herr Streckfuss. Damit kein Missverständnis entsteht. Die Reihe vergessen Sies’s ist eine provokante Glosse, keine Reihe von Positionspapieren der DGQ. Ich wollte es halt einmal wissen, ob QFD in der Praxis wirklich gebräuchlich und relevant ist. Dass es in neuen Formen gelehrt wird, ist kein Beleg für Anwendung. Auch TRIZ erscheint mir als Kandidat für „Viel zitiert, kaum gemacht“.
      Sie setzen die Methoden selbst ja um, das achte und wertschätze ich und deshalb hat Ihr Contra bei mir auch Gewicht.

  4. Vielen Dank für die spannende Diskussion: Der Ruf von Q-Methoden hat gelitten. Das mag auch daran liegen, dass manche auf ein Schema reduziert und ohne das zugehörige Verständnis des Anwendungsfeldes nutzlos wurden. Ohne fachkundige Interpretation ist die Berechnung einer RPZ nutzlos wie das Ausfüllen eines House of Quality ohne Einbeziehung und Kooperation von „Kunden“ und „Entwicklern“. Akao legte Wert darauf, dass man den „Spirit“ von QFD im Blick habe und nicht dessen „Form“. Nicht das House of Quality sondern die Analyse der Kundenstimmen sei entscheidend. Dieser Geist lebt in vielen „modernen“ Methoden weiter, mit dem Zeitgeist und der Technologie ändert sich die Ausprägungen, nicht jedoch die Idee: Entscheidend ist danach nicht die formale Güte der Spezifikation von Anforderungen an sich sondern ob diese die Ursachen guter Qualität widerspiegelt, wie es die ISO 16355-1 formuliert: Diese sollten von allen, die Einfluss auf die Qualität von Produkten haben verstanden und berücksichtigt werden. Ist doch eigentlich gesunder Menschenverstand, aber in Praxis und auch Ausbildung eine große Herausforderung wenn die Beteiligten nicht gewohnt sind oder wenn es ihnen erschwert wird an einem Strang zu ziehen. Dar Marketing, der Vertrieb, die Entwicklung, die Produktion und der Service an einem Tisch. Wenn das ohne Methode klappt – toll! Methoden können den Prozess unterstützen, manchmal mehr hart und manchmal weicher. Wenn Agilität als Willkür verstanden wird, hilft auch die beste Methode nicht mehr weiter. Daher gilt es für das Team, die Gruppe oder Organisation schlanke Regeln zu etablieren, deren Nutzen und Aufwand für die Organisation und den Einzelnen ausbalanciert und nachhaltig sind. Präzision und scharfe Anforderungen dosieren – dort wo es sich lohnt und im Konsens der Kompetenzträger: das war die Grundidee von QFD und ist immer noch aktuell auch unabhängig davon wie eh und je und der Idee von FMEA, Kano etc. verwandt. In diesem Sinne hat der eine oder andere der zwar kein House of Quality umgesetzt hat auch nichts verpasst wenn es nur eine Rechenaufgabe gewesen wäre. Auf der anderen Seite haben sicherlich viele ähnliche Idee mit anderen Methoden verfolgt. Deshalb sammelt die ISO 16355-1 alle möglichen Methoden die dazu einen Beitrag leisten können und ordnet sie in einen Baukasten zur Unterstützung der Grundidee unter. In diesem Sinne: Vergeßt das schematische House of Quality und lebt die Grundidee von QFD wie sie in der ISO 16355-1 formuliert ist, egal wie die Methode heißt: Design Thinking, AHP oder meinetwegen auch Modern QFD, wobei dieser Name von der amerikanischen Spielart besetzt ist die ohne Matrizen auskommt leider aber auch die Vielfalt der Möglichkeiten stark einschränkt. In diesem Sinne hat keine Methode oder besser Instrument einen Eigenwert sondern ist ein Mittel zu einem übergeordneten Zweck und darüber gilt es Konsens zwischen den verschiedenen Kompetenzträgern zu erzielen; sei es durch allseits überzeugende messerscharfe Analyse und/oder durch Priorisierung in der Gruppe!
    Jede Methode hat selbstverständlich Grenzen und Nachteile. Laßt uns neben der ehrlichen Beschreibung der Wirkung auch verläßliche Beipackzettel entwickeln. Die fehlen leider in den meisten Methodenbeschreibungen und auch in der ISO 16355-1. Aber dafür gibt es ja Communities und Blogs wie diesen …

    1. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

      Danke für Ihre Erweiterungen des Blickwinkels auf QFD.

  5. Bauchentscheide sind wunderbar und effizient – aber der Bauch erinnert sich nur an vergangene Freuden. Wenn man also schnelle, agile Entscheide braucht über Sachen, die man gut kennt, mag das genügen.
    Will man jedoch Innovation, oder braucht man sie, dann entscheidet der Bauch meist falsch. Dann verhilft QFD, oder auch AHP, zu neuen Erkenntnissen und verschafft Lerneffekte. Denn QFD ist eine spezielle Form von Transferfunktionen, wie man sie überall in der Wissenschaft braucht um Unbekanntes aufzudecken und analysieren zu können. QFD liefert sogar einen Messwert, wie gut die Analyse ist, den Convergence Gap. Das müsste einen Qualitätsbeauftragten eigentlich sehr interessieren.
    Ich habe schon sehr viele QFD, und AHP, gemacht; es kam fast nie das erwartete Resultat heraus, sondern neue Erkenntnisse, die sonst schwierig zu finden waren, und noch viel schwieriger zu vermitteln. Denn QFD ist nicht nur ein Qualitätswerkzeug, sondern dient auch der Kommunikation mit Entwicklerteams und Produktownern.

    1. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

      Wunerbar, nioch jemand, der QFD häufig gemacht hat, das verschafft Ihrem beitrag in meinen Augen Gewicht. Zu den Bauchentscheidungen, da denke ich, dass der bauch sich sogar besser an vergangene Schmerzen erinnert. Goßartige Beiträge dazu kommen von Daniel Kahneman (Nobelpreis für Wirtschaft, Buch: Schnelles Denken -.langsames Denken) und seinem kongenialen wissenschaftichen Partner Amos Tversky. Auch Max Planck Dirkektor und psychologe Gerd Gigerenzer beschreibt in „Bauebtscheidungen“ deren Für und Wider. Ich stimme Ihne unbedingt zu, Bauchentscheidungen allein haben in der Produktentwicklung nichts zu suchen. Hirn muss immer dazu kommen, auch wenns aufwändiger ist – und wir es deshalb instinktiv vermeiden, um Energie zu sparen. Oft falsch gespart!

  6. b80f0afe2d379bfffeffbffe87cbe395 Dimitri Petrik sagt:

    Ich glaube, dass nicht nur die Qualitätsbeauftragten in aktuellen Unternehmensstrukturen, sondern auch die Produktmanager oder gar IT-Architekten die QFD-Methoden aneignen sollten, um komplexe Produkte (soziotechnisch, abteilungsübergreifend in der Entwicklung, viele Wechselwirkungen, heterogene Kundengruppen, viele Features) ausreichend zu verstehen.

    In der Praxis tun sich leider nicht alle den damit verbundenen Aufwand an :-X

    1. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

      Bezogen auf das Ziel gebe ich Ihnen Recht. Gerade komplexe Produkte halte ich allerdings für wenig QFD-geeignet. Zumindest für den klassischen Ansatz. Genau für komplexe Produkte sind ja agile Ansätze wie Srum entstanden, weil man für sie nicht alle Anfoderungen vorab kennt und erkennt. Vielleicht ist so etwas wie ein agiles, also stark inkrementell-iteratives QFD denkbar. Hat jemand damit Erfahrung?

      1. e1e16c46b95374cd8fb05145cc34df86 Gerd Streckfuss sagt:

        Die oben stehende Antwort kann ich in einem Punkt nicht nachvollziehen: “….Gerade komplexe Produkte halte ich allerdings für QFD wenig geeignet…“
        Nach meinen Erfahrungen ist es genau umgekehrt:
        – Agile Vorgehensweisen für überschaubare, klar definierte Projekte,
        o Scrum für Softwareentwicklungen
        – Aber notwendiger Einsatz von modernen Entwicklungs-Methoden (als „tools“) bei großen, komplexen, wichtigen, neuen Projekten.
        – Werkzeuge sind dann notwendig, wenn es der Mensch selbst nicht erledigen kann kann:
        …..Individuen und Interaktionen stehen über Prozessen und Werkzeugen (agiles Manifest)
        • d.h doch nicht: vergessen Sie Prozesse und Werkzeuge. ?

        1.1 Bezogen auf QFD: Die heutigen Vorgehensweisen („modern QFD“) im Bereich der Kundenanforderungen/Kundenbedürfnisse sind für komplexe Produkte dem „Backlog“ weit überlegen. Eine Customer Voice Table („CVT“) (in D auch Q-Plan) differenziert stärker den Inhalt (Kundenaussagen) und bei einer großen Anzahl der Anforderungen werden die verschieden Gewichtungen schon ansatzweise mit Algorithmen berechnet, um hier auch Widersprüche sofort zu erkennen. Diese Klassifizierungen sind eine der wichtigsten Elemente einer Teamarbeit. Die Qualität der Anforderungen bestimmt am Ende die Qualität des Produktes aus Kundensicht.
        1.2 Ein einzelner „Product Owner“ kann das leider nicht leisten.

        2.1 Komplexe Produkte habe immer auch komplexe Beziehungen und Korrelationen der technischen Merkmale (Funktionen und Q-Merkmale) zu den Anforderungen und zueinander.
        Deshalb ist eine QFD immer strukturiert (Segmente), aber die Beziehungen und Korrelationen bleiben erhalten. Sodass jede Veränderung während der Entwicklung überprüft werden kann und ggfs. neue Entscheidungen gefällt werden können. Dies gilt dann für das ganze Produkt. (ganzheitlicher Ansatz).
        Alle Entscheidungen können so später auch wieder nachvollzogen werden.
        2.2. Ein „Sprint“ bearbeitet den „Sprint Backlog“, und solange das „WAS zu Wie“ des ganzen Produktes überschaubar ist, ist dies auch machbar. Wenn aber zu viele „Sprints“ angesetzt werden müssen, gibt es bei jeder Änderung entweder endlose Diskussionen oder eine hohe Fehleranfälligkeit bezüglich der Umsetzung der Anforderungen.
        Summary: Ich bleibe dabei: Gerade in Deutschland, wo die Entwicklung komplexer Produkte ein Wettbewerbsvorteil war, noch immer ist und sicherlich weiterhin sein sollte, ist der Einsatz moderner Entwicklungsmethoden absolut notwendig.
        „Agil“ kann und wird (schon lange ?) da eingesetzt, wo es machbar ist, wie auch die Meeting-Kultur.
        Ich halte deshalb die Fokussierung der DGQ auf „agil“ und das Ablehnen von Entwicklungsmethoden („Vergessen Sie… ) für schwierig und weil ich hohen Respekt vor Ihrer Meinungsführerschaft habe, so glaube und hoffe ich, dass eine Diskussion über die Agilität von Methoden zielführender wäre im Sinne von QM.
        Ob wir dann den Projektleiter „Product-Owner „und den Moderator einen“ Scrum-Master“ nennen, ist nebensächlich. Aber es gilt der Satz von Akao: „Copy the spirit, not the form.
        Wie immer, Kritik ist sehr erwünscht. Gerd Streckfuss

        1. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

          Lieber Herr Streckfuss, Ziel meiner Glosse war es, einmal zu fragen und dann zu hinterfragen, wer arbeitet denn wirklich heute mit QFD. Es wird ja noch viel gelehrt, aber wird es in der Breite angewandt?
          Ich habe den Wert aus dem Manifest für Agile Softwareentwicklung: Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Methoden immer so verstanden, nicht nur auf Prozess und Methoden zu schauen, nie ein entweder-oder dort gesehen. Ohne methodisches Vorgehen kommen wrr nicht weit.
          Zu „agil“ wird es bald ein DGQ Impulspapier geben, dass sich auch kritisch mit dem Hype darum auseinandersetzt, was wir aber schon mehrfach getan haben.
          Zur QFD noch: ich denke, dass gerade komplexe Produkte mit QFD schwer zu andressieren sind, weil die Beziehungen komplexer Merkmale nicht vorhersagbar sind. Was Sie sagen, gilt aus meiner Sicht für komplizierte Produkte.

          1. 131e7c8fb1bdc666fcd2cdc73c4cec50 Thomas Fehlmann sagt:

            Lieber Herr Sommerhoff
            «wer arbeitet denn wirklich heute mit QFD?» Ich kann ihnen versichern, ganz viele, und viele mehr, als Sie denken. Und keineswegs nur Qualitäter, sondern Designer, Entwickler, Tester und sehr viele, die nicht einmal wissen, dass es einen DGQ gibt.

            QFD hat sich längst gewandelt, von einem Qualitäts-sicherungsinstrument zu Transfer Functions, die überall eingesetzt werden. Insbesondere auch in der agilen Entwicklung. Sie könnten mein Buch über «Managing Complexity» lesen, vielleicht interessiert Sie das,

          2. e1e16c46b95374cd8fb05145cc34df86 Gerd Streckfuss sagt:

            Lieber Herr Sommerhoff,
            vielen Dank für Ihre verständlichen Antworten.
            Ich bin zu Ihrer Frage „Wer arbeitet wirklich mit QFD…?“ noch meine Antwort schuldig.
            1. Die Schwierigkeit besteht darin, dass eine Definition für „QFD“ nicht einfach ist.
            – Übergreifend: Die Quality (vom Kunden definiert) eines Produktes (Objektes) so zu verbreiten (to deploy), dass am Ende der Kunde diese Qualität auch erhält. Wobei „Function“ in japanischen Sinnen die Geschäfts-Funktionen (Prozesse) bezeichnen (Akao), in der späteren USA Version (dann auch in Europa) die technischen Funktionen eines Produktes.
            – In sehr engeren Sinne: Nur das „House of Quality“ (HoQ)
            – Die QFD-Norm (ISO 16355-1 Nr.3.1 (2014) definiert: „managing of all organizational functions and activities to assure product quality“.
            – Meine eigene Definition ist: (als Minimum)
            o Das Vorhandensein oder Ermitteln der Kundenbedürfnisse, deren Klassifizierungen, Verstehen, Akzeptanz, Bewerten und Prioritisierung.
            o Festlegen der Q-Merkmale (nach denen der Kunde beurteilt, ob das Produkt „gut“ oder „schlecht“ ist. Sie haben auch eine Optmierungsnotwendigkeit aus Sicht des Kunden. (wg. Verbesserungen)
            o Eine oder mehrere Beziehungsmatrizes um vor allem die Konflikte und Widersprüche zu erkennen und zu eliminieren. (Raum für Innovationen)
            Eine in D gebräuchliche Deploymentstruktur wurde in einem Arbeitskreis des QFD Institutes Deutschland e.V (QFD-ID) erarbeitet und auf deren Web Seite veröffentlicht. Es wurde auch in der ISO 16355 mit aufgenommen(A24). Einfluss hatte auch die hier gelehrte Konstruktionslehre (Pahl/Beitz/Lindemann u.a.)
            D.h. Die Methode muss (und wird) der jeweiligen Aufgabe angepasst werden, dies ist doch eine agile Vorgehensweise!?
            2. Bei einer Umfrage vor einigen Jahren in verschieden Gruppen (Stichproben) wurde zu etwa 80% angergeben, von „QFD“ gehört oder gelesen zu haben. Gründe waren überwiegend die Ausbildung an den UNI/TH und die Veröffentlichungen. Davon haben etwa 20% angeben, QFD schon mindestens einmal eingewandt zu haben. Minimum war die Erstellung eines HoQ. Wenn man die erweiterte Definition von QFD heranzieht, dann dürften sehr viele Entwickler sagen: Wir gehen von Kundenbedürfnisse aus und entwickeln daraus die Produkte. Wobei normalerweise nicht jede Woche ein neues Produkt entwickelt wird.
            3. Einige Unternehmen setzen eine QFD Struktur ein, ohne es „QFD zu nennen.
            4. Es gibt jährlich eine nationale (seit 1993) oder/und internationale (seit 1995) QFD Symposien mit Beiträgen von unterschiedlichen Unternehmen. Die Beiträge sind teilweise veröffentlicht auf der Web-Seite des QFD-ID (-> QFD-Wissen –> QFD-Forum).
            5. Nach meinem Kenntnisstand haben Vertreter der DGQ/DQS – leider – nie an einem Symposium teilgenommen.
            Das sind meiner Meinung nach die vielen Gründe, warum sich die DGQ intensiv mit QFD beschäftigen sollte und ist der Grund, warum ich das „vergessen Sie’s…“ für falsch halte (auch wenn ich inzwischen den Sinn des Blogs verstanden habe).
            Der QFD AK 2001 war eine sehr erfreuliche Ausnahme. Warum nicht mal eine Fortsetzung riskieren?
            Gerd Streckfuss

          3. 131e7c8fb1bdc666fcd2cdc73c4cec50 Thomas Fehlmann sagt:

            Ein Arbeitskreis QFD im DGQ? Ich mache mit!

  7. 7f73d6f7905b77364eb75cf28b745fd4 Benedikt Sommerhoff sagt:

    Danke für die INfos und den Buchtipp, Herr Fehlmann.

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