Vergessen Sie’s – das Vergessen16 | 12 | 20

Elf Monate lang habe ich ernst gemeinte aber nicht immer ernst formulierte Vorschläge für das Vergessen gemacht. Ich danke all denen, die durch ihre klugen Kommentare und gut begründeten Widersprüche daraus einen spannenden und ergiebigen Austausch gemacht haben.

Im ersten Teil der Reihe hieß es: „In Zeiten des Umbruchs ist das „Entlernen“ in unserem Fachgebiet […] eine notwendige Voraussetzung für das Lernen von Neuem.“ Nun muss ich gestehen, ich war nicht ganz offen zu Ihnen, denn ich wusste damals bereits, dass Menschen nicht gezielt und aktiv vergessen können. Und dass unser Gehirn anders als der Speicher eines Computers nicht voll werden kann. Sondern im Gegenteil immer stärker und leistungsfähiger wird, je mehr wir lernen. Wir lernen auch schneller und besser, je mehr wir schon gelernt haben. Entlernen ist uns Menschen also gar nicht möglich. Dennoch ist dieses künstliche pädagogische Konstrukt sehr hilfreich. Es soll uns ermutigen, typisches Verhalten in Frage zu stellen und Raum für Neues zu schaffen. Damit wir nicht immer in den uns vertrauten Lösungsräumen verharren, sondern uns stattdessen trauen, ganz neue Lösungsräume zu betreten.

Auch dürfen wir unsere Erinnerung an erfolgreiche und gescheiterte Projekte, gelingende und misslingende Methoden, gute und schlechte Erfahrungen nicht verlieren. Was wir in Zeiten der Veränderung jedoch zusätzlich benötigen, ist die kritische Distanz zu unseren Erfahrungen. Die bleiben häufig am stärksten im Gedächtnis, wenn und weil wir sie mit damals starken Emotionen zusammen abgespeichert haben. Und der einfache und ressourcenschonende Weg unseres Gehirns ist es eben, blitzschnell, impulsiv, intuitiv zu entscheiden und dabei auf die schnell zugänglichen, bereits vorhandenen Lösungen zurückzugreifen, sie zu recyceln oder zu extrapolieren.
Entsprechend ist es viel anstrengender, diesen ersten Impulsen zu widerstehen, tief zu analysieren und neue Lösungswege zu betreten. Dennoch sollten wir uns heutzutage ganz oft die Mühe machen, derart langsam und ausgiebig zu denken, Reflexe zu unterdrücken und die sich sofort aufdrängenden Lösungen zurückzustellen. Sonst landen wir bei den immer gleichen Antworten von gestern auf die neuen Fragen von heute und morgen. Und das, das können Sie echt vergessen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie nach einem sorgenvollen Jahr genau diese Sorgen für einige Tage vergessen und schöne Stunden mit lieben Menschen verbringen können, die sie nie vergessen. Und dass wir einander nicht vergessen. Denn wir werden uns im neuen Jahr wieder brauchen.

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff leitet bei der DGQ das Themenfeld Qualität & Innovation. Er beobachtet, analysiert und interpretiert die Paradigmenwechsel und Trends in Gesellschaft und Wirtschaft sowie ihre Wirkungen auf das Qualitätsmanagement. Seine zahlreichen Impulse in Form von Publikationen und inspirierenden Vorträgen geben Orientierung in Zeiten des Wandels. Sie ermutigen zur Neukonzeption des Qualitätsmanagements und der Qualitätssicherung. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten des DGQ-Netzwerks aus Praxis und Wissenschaft arbeitet Sommerhoff in Think Tanks und Pionierprojekten an der Entwicklung, Pilotierung und Vermittlung innovativer Konzepte und Methoden.

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