VDA 6.3:2023 – Konzentration auf die Stärken21 | 11 | 22

Um es vorwegzunehmen: Die finale Version des neuen VDA-Standards, im VDA-Jargon „Rotband“ genannt, wartet noch auf Veröffentlichung. Doch die vorläufige Version („Gelbband“) lässt schon erkennen, wohin die Reise gehen soll. Für diejenigen, die diesen Ablauf nicht kennen: Mit jeder Überarbeitung eines VDA-Standards geht eine Feedbackphase einher, in der die vorläufige Version digital veröffentlicht wird, um der Industrie die Möglichkeit für Feedback zu geben. Nach Abschluss dieser Phase nehmen sich die Experten des VDA QMC noch einmal etwas Zeit, die Rückmeldungen zu sichten und bei Bedarf Änderungen vorzunehmen. Beim VDA 6.3 ist die Feedbackphase schon seit einigen Wochen abgeschlossen und seit 09.11.2022 ist der Rotband, die finale Version, offiziell freigegeben. Die Veröffentlichung ist für den Januar 2023 vorgesehen.

Insofern müssen wir uns noch etwas gedulden und dürfen darauf hoffen, dass uns die Weihnachtsgeschenke ein bisschen vom Warten ablenken werden. Dennoch lässt sich anhand der Vorabversion schon manches einordnen. Eine erste grobe Einordnung der Änderungen kann aus der Überschrift zu diesem Text herausgelesen werden. Der Arbeitskreis hat sich darauf fokussiert, den Standard klar auf sein Kerngebiet zu konzentrieren: Das Auditieren von Produktentwicklungs- und -produktionsprozess. Das zeigt sich nicht nur darin, dass man der Versuchung widerstanden hat, den Scope auszudehnen. Diese Form der „Selbstbeschränkung“ ist heutzutage nicht selbstverständlich. Es sind sogar einige Teile entfallen: Das Kapitel zum Auditprozess und der Fragenkatalog für Dienstleistungen. Für Ersteres beruft sich der VDA 6.3 ganz auf die ISO 19011, für letzteres wird es in Zukunft eigene Standards aus dem VDA QMC geben. Den Anfang macht der VDA 6.8 für logistische Prozesse, der frühestens zum ersten Quartal 2024 zu erwarten ist.

Ansonsten bietet die Überarbeitung gemäß den Ausführungen im Gelbband eher Feinschliff. So wurden im Fragenkatalog Softwareaspekte berücksichtigt, aber ohne aus dem VDA 6.3 ein „A-SPICE-Light“ zu machen. Es gibt keine neue Frage, die sich explizit auf das Thema Software richtet. Es wurden jedoch an mehreren Stellen entsprechende Mindestanforderungen und Umsetzungsbeispiele formuliert. Neu hinzugekommen sind zudem Anforderungen zu den Beschaffungsaktivitäten in den Prozesselementen P3 und P4 – hier jeweils mit einer neuen Frage.

Um das Ziel einer Harmonisierung zwischen den Anforderungen VDA 6.3 und Automotive SPICE sowie Reifegradabsicherung für Neuteile (RGA) zu erreichen, gab es direkte Kontakte zwischen den jeweiligen Arbeitsgruppen. Gewissermaßen als Überbleibsel der Corona-Lockdowns sind die Hinweise zum Thema Remote-Audit. Dort wird nun klar festgelegt, welche Bereiche für Remote-Audits geeignet sind und welche nicht. Dabei fließen in die Bewertung sowohl generelle Aussagen zu den einzelnen Prozesselementen ein als auch Einschätzungen zum Prozessrisiko bzw. den Einflussfaktoren, die auf den Prozess wirken. Die Entscheidung für oder gegen Remote-Audit muss in ausgewählten Fällen beides berücksichtigen.

Zu den Themen, die sich im neuen VDA 6.3 nicht mehr finden werden, gehören zudem das Kapitel 10 „Best Practice / Lessons Learned“ sowie die Sonderauswertung zum Transport- und Teilehandling (EU7). Weitere Änderungsdetails sind die teilweise neu definierten *-Fragen (Stern-Fragen) sowie die Neuzuordnung von Fragen zur Potentialanalyse. Das Glossar am Ende des VDA 6.3 (2016) wird für alle VDA-Bände erweitert und online zur Verfügung gestellt.

Zusammenfassend wirken die Änderungen ausgewogen und mit Augenmaß vorgenommen. Der Band VDA 6.3 Prozessaudit konzentriert sich auf seine bewährten Stärken und kann darüber sogar schlanker werden. Inhaltlich verschieben sich die Gewichte etwas in Richtung Beschaffung und Software. Damit trägt der VDA 6.3:2023 aktuellen Entwicklungen Rechnung, ohne mit jeweils fachspezifisch auditierbaren Standards in Konkurrenz zu treten. Im Bereich Software werden einige Auditoren für sich sicher Neuland betreten. Aber wenn das Auto zunehmend zu einem (selbst-) fahrenden „Mobile Device“ werden soll, dann bleibt es nicht aus, dass sich das auch in den Entstehungsprozessen widerspiegelt.

Über den Autor:

Jörn Cerff verantwortet bei der DGQ Weiterbildung die Themenbereiche Automotive, Bahnindustrie, Luft-, Raumfahrt und Verteidigung, QM-Managementkompetenz und EFQM. In diesen Themenfeldern ist der studierte Politikwissenschaftler und Soziologe für die Konzeption von Weiterbildungsinhalten und -formaten verantwortlich.

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