Sicher machen14 | 08 | 15

Heute wollen wir den Alltags-Tücken des Wortes „zertifizieren“ (wörtlich: etwas sicher machen) auf den Grund gehen, uns dabei aber auf die Bedeutung beschränken, die es im Rahmen einer Systemzertifizierung hat; außerdem wollen wir Details weglassen, die für unser Sprachthema nicht von Bedeutung sind.

Wenn ein Unternehmen ein Managementsystem eingeführt hat und dieses anschließend gemäß einer Norm oder einer Spezifikation zertifizieren lassen möchte, muss es sich einem Zertifizierungsaudit (selbstverständlich durch eine anerkannte und unabhängige Zertifizierungsgesellschaft) stellen. Während dieses Audits wird ermittelt, ob das Managementsystem die Forderungen des betreffenden Regelwerks erfüllt. Impulsstark geführte Audits legen noch eine Schippe drauf und zeigen relevante Verbesserungspotenziale auf.

Wenn man nun am Tag des Zertifizierungsaudits einen Mitarbeiter des Unternehmens fragen würde, was denn heute im Haus Geschäftiges vor sich geht, bekäme man mit einiger Wahrscheinlichkeit zur Antwort: „Heute werden wir zertifiziert.“

Es ist zwar einigermaßen klar, was er meint, aber er sagt es gleich doppelt krumm. Denn erstens ist es das Managementsystem des Unternehmens, das bei solchen Audits unter die Lupe genommen wird und nicht das Unternehmen selbst (wir), zweitens wird an diesem Tag auditiert und nicht zertifiziert. Dass ein Mitarbeiter „wir“ sagt, ist jedoch aus seiner Sicht gar nicht so abwegig, vor allem dann, wenn er zu den im Audit befragten Personen zählt. In gewisser Weise ist diese subjektive Sichtweise sogar eine besondere Form der Identifikation des Mitarbeiters mit seinem Unternehmen und von daher eigentlich zu begrüßen. Man sollte also gar nicht so sehr auf diesem Teil des Missverständnisses herumreiten …

Auch für die Verwechslung des Zertifizierungsaudits mit dem Vorgang des Zertifizierens kann man Verständnis aufbringen; welcher Mitarbeiter wird schon darüber unterrichtet, wie im Zuge einer Konformitätsbewertung die einzelnen Prozesse bezeichnet werden und was da eigentlich genau in welcher Reihenfolge passiert – oder sollte er es vielleicht doch wissen? In offiziellen Verlautbarungen sollte der Irrtum jedenfalls nicht zutage treten.

Eine Zertifizierung kommt erst dann in Frage, wenn alle Zertifizierungsvoraussetzungen erfüllt sind, das Audit keine Abweichungen ergeben hat oder festgestellte Abweichungen behoben wurden und der Auditor bzw. der Auditleiter eine entsprechende Empfehlung an die Zertifizierungsstelle (den „Zertifizierer“) abgibt. Diese entscheidet daraufhin (als „unabhängiger Dritter“) im Zuge der Systembewertung, ob eine Zertifizierung ausgesprochen wird oder nicht. Im Fall einer positiven Entscheidung erteilt die Zertifizierungsstelle dem Unternehmen als Nachweis der Zertifizierung ein entsprechendes Zertifikat – manchmal wird es sogar überreicht!

Für ein Unternehmen ist eine Zertifizierung auf jeden Fall ein Erfolg, den es natürlich kommunizieren möchte; weshalb in PR-Meldungen gern die Wendung „… sind wir erfolgreich gemäß XYZ zertifiziert worden“ zum Einsatz kommt. Man weiß auch hier wieder, was gemeint ist; es ist dennoch ähnlich redundant, wie die Aussage eines bei einer Prüfung erfolgreichen Studenten, der behauptet, er habe die Prüfung erfolgreich bestanden. Wenn er sie bestanden hat, war er automatisch erfolgreich, hat er sie nicht bestanden, eben nicht (erfolglos nicht bestanden?); der Erfolg besteht im Bestehen. Außer es gibt neben dem reinen Bestehen noch Abstufungen, wie bestanden wurde; dann müsste man das aber dazusagen. Der Student könnte von „summa cum laude“ sprechen, das Unternehmen evtl. vom Platin-Status bei Service Excellence o. Ä.

Apropos Student: Was ist eigentlich mit der Studentin? Oben haben wir einen Mitarbeiter gefragt, hätten wir nicht auch eine Mitarbeiterin ansprechen sollen? Ein sehr heikles Thema …

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und eine gelungene Kommunikation!

 

 

 

Über den Autor:

Dipl. Ing. Thomas Votsmeier ist Leiter "Normung/Internationale Kooperationen" und seit 1998 bei der DGQ tätig. Er engagiert sich in verschiedenen Fachgremien bei der European Organisation for Quality (EOQ), der International Personnel Certification Association (IPC), dem Deutschen Institut für Normung und International Standard Organisation (ISO). Unter anderem ist er Obmann des DIN NA 147 – 00 – 01 AA Qualtitätsmanagement und Mitglied bei ISO TC 176.

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