Pflege und Qualität: ein Experiment3 | 05 | 22

Erkenntnisse aus einem DGQ Workshop „Zielkonflikte und deren Konsequenzen für die Qualität in der Pflege“

Am 6. April 2022 suchte ein Workshop der DGQ mit Mitgliedern und weiteren Interessenten aus dem Qualitätsumfeld Antworten auf die Frage, welche Zielkonflikte und Konsequenzen sich ergeben, wenn es um die Qualität in der Pflege geht. Die Veranstaltung wurde maßgeblich von Teilnehmenden des monatlich tagenden Pflege-Online-Treffpunkts vorbereitet und stellte für die DGQ in dieser Form eine Premiere dar: Dazu gehörte unter anderem das Vorgehen, mit dem Antworten auf die eingangs gestellten Fragen erarbeitet wurden. Das Ziel bestand darin, praxisnahe und gleichzeitig weit gefächerte Ergebnisse für die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Pflegesektoren zu erarbeiten. Dazu diente ein Fallbeispiel, das für diesen Zweck im Vorfeld erarbeitet wurde.

Kriterien, Ziele, Konflikte

In diesem Fallbeispiel durchläuft eine Person mit Schlaganfall mehrere Bereiche, in denen Pflegeleistungen erbracht werden. Das reicht von der Erstversorgung über die Klinik bis in die Langzeitpflege und schließt auch die Laienpflege ein. Dieser Aufbau mit Versorgungsetappen eröffnet die Möglichkeit, das pflegerische Setting aus Kundensicht wahrzunehmen und deren Bedarfe nicht aus dem Auge zu verlieren.

Der Rahmen für Qualitätsmaßstäbe orientiert sich im Sozialwesen bekanntlich nicht allein an Endkundenbedarfen (Patientinnen und Patienten, Pflegebedürftige, Angehörige). Zur Darstellung der Ziele und Qualitätsansprüche weiterer Beteiligter im Versorgungsprozess diente im DGQ-Workshop eine Kriterienmatrix. Die beinhaltet die Aspekte Ethik, Fachlichkeit, Recht und Soziales.

Ziele können in enger Beziehung stehen oder sie können sich widersprechen. Wenn sie nicht gleichzeitig erreichbar sind, handelt es sich um einen Zielkonflikt. Solche pflegerelevanten Zielkonflikte zu benennen, war die Aufgabe für Arbeitsgruppen, die sich das Fallbeispiel nach Versorgungsorten aufgeteilt hatten. Aus der Kombination von Versorgungsort und Zielkriterien entsteht dabei ein Raster von Pflege-Dilemmata.

Ergebnisse

Die Workshop-Teilnehmenden trugen die Ergebnisse der Gruppenarbeit aus den jeweiligen Versorgungsbereichen zusammen. Die ermittelten Zielkonflikte wurden verglichen und die Konsequenzen für die Qualität in der Pflege diskutiert. Dabei stellte sich heraus, dass die Dilemmata über die Sektoren hinweg große Parallelen haben.

Die Konsequenzen der Zielkonflikte und Lösungsansätze für die Verbesserung der Qualität in der Pflege gelten daher aus Sicht der Teilnehmenden über die Pflegesektoren und Versorgungsorte hinweg. Daraus wurden Forderungen erarbeitet, die hier stichpunktartig aufgeführt sind:

  • Die Bedürfnisse der Klient:innen im Pflegeprozess und als Pflege-„Kund:innen“ mehr berücksichtigen
  • Abhängigkeitsdynamik für Klient:innen realisieren, Autonomie fördern
  • Einfluss der professionellen Pflege auf die politische, organisatorische und fachliche Qualitäts-Agenda stärken
  • Berufsstolz und Durchsetzungskraft der Pflege stärken (Empowerment)
  • Autorität der Pflege-Professionen stärken
  • Mehr Ressource: Pflege-Personal, Zeit, Budget
  • Qualitätsperspektiven in Curricula der Pflegeausbildungen aufnehmen, Blick für Zielkonflikte schärfen
  • Umfassende Strategie zur Stärkung der Disziplin, u.a. Akademisierung, Pflegerat
  • Sensibilisierung für die Gefahren durch Rationalisierung und Industrialisierung in der Pflege
  • Stärkung der Qualitätsperspektiven im Diskurs zur Modernisierung der Pflege

Fazit

Mit dem maßgeblich von Mitgliedern vorbereiteten Pflege-Workshop hat die DGQ Neuland betreten. Es handelt sich um einen ersten Schritt, um Format, Inhalt und Vorgehensweise auf Praxistauglichkeit zu überprüfen. Das Feedback der Teilnehmenden weist darauf hin, dass dieses Experiment erfolgreich war.

Im Fallbeispiel war eine gewisse Richtung für die Erarbeitung der Zielkonflikte vorgegeben. Denn die Tour durch pflegerische Settings impliziert den Kundenblick. Dennoch kamen die Perspektiven weiterer Gruppen nicht zu kurz. Eine Überraschung war, dass die Dilemmata für die Qualität in der Pflege sich an den unterschiedlichen Versorgungsorten, unabhängig von Segment, Sektor und Bereich gleichen.

Die Ergebnisse sind unter der Berücksichtigung der Aufgabenstellung vorläufig. Eine weitergehende Bearbeitung bedarf zum einen mehr zeitlicher Ressource und darüber hinaus einer Weiterentwicklung der Fragestellungen. Anregungen, Rückmeldungen und Wünsche verdichten sich, dass eine Fortsetzung folgt.

Über den Autor:

Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.

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