High Noon8 | 05 | 15

Heute möchte ich ein Wort diskutieren, das lange Zeit mangels Gelegenheit mehr oder weniger verschwunden war, allenfalls im Sport und evtl. im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen wurde es noch genutzt. Vor rund 25 Jahren war es dann plötzlich wieder en vogue: das Wort „Herausforderung“.

„Herausforderung“ wird seither vor allem im Unternehmensalltag sehr häufig verwendet, besonders in Verlautbarungen, oft auch im Plural. Im Zusammenhang mit dem Thema „Qualitätsmanagement“ könnte eine Aussage so lauten: „Die Normrevision ist für unser Unternehmen eine Herausforderung, der wir uns zu gegebener Zeit stellen werden.“

Einst führte eine Herausforderung als klare Aufforderung zum Kampf unweigerlich zu einem Duell, man wurde herausgefordert oder forderte heraus, immer gab es einen Grund dafür; immer war auch von vornherein klar, dass einer von beiden auf der Strecke bleiben wird, falls nicht doch noch einer kneift; und ohne Sekundanten ging gar nichts.

Mit einer Prise Humor betrachtet ergibt unser Beispiel ein reichlich bizarres Bild. Auf der einen Seite ein Unternehmen, das herausgefordert wird, auf der anderen Seite eine Revision, die knallhart herausfordert. Das wird entweder für das Unternehmen oder für die Revision ganz übel ausgehen, aber: Wie muss man sich das eigentlich vorstellen, une révision perdue? Und: Worin besteht überhaupt ein Sieg in einem solchen Duell?

Sprachkritiker bemängeln, dass das Wort „Herausforderung“ die heute von den Anwendern hinterlegte, im Übrigen recht unscharfe Bedeutung gar nicht trägt; nicht zuletzt, weil mit großer Sicherheit Fehlleistungen beim Übersetzen aus dem Englischen im Spiel sind. Man kann sich das leicht vorstellen: einen schusseligen Journalisten, wie er aus der Wendung „it’s a challenge“ die Übersetzung „es ist eine Herausforderung“ schlussfolgert, wohl in Eile und weil das Wortpaar in Wörterbüchern meist ganz oben gelistet wird – oder so ähnlich.

Challenge heißt aber je nach Sinn- und Satzzusammenhang auch Provokation, Aufforderung, Anzweifeln, Schwierigkeit, Behinderung, Wettbewerb und, neben vielen weiteren Bedeutungen, auch Aufgabe. Gerade aber die Aufgabe kommt dem, was in der Regel gemeint ist, mit Abstand am nächsten. „Die Revision ist für unser Unternehmen eine Aufgabe, an deren Lösung wir intensiv arbeiten werden“ – klingt ungewohnt, aber mir gefällt das gut.

Die klare Aufgabe hat gegenüber der unklaren Herausforderung viele Vorteile: Die Aufgabe ist konkret, sachlich, lösungsorientiert – und wenn die Lösung gelingt, macht sie gleich beide Seiten glücklich. Die Herausforderung hingegen steht provozierend im Raum, signalisiert eine imaginäre Bedrohung und lässt zudem völlig außer Acht, dass z. B. Normrevisionen für und nicht gegen die Anwender der Norm erarbeitet werden – in gewisser Weise sogar mit ihnen.

Ob „Aktivitäten“ zum Lösen anstehender Aufgaben wirklich geeignet sind, oder ob nicht doch „Tätigkeiten“ die bessere Wahl sind, das besprechen wir dann das nächste Mal.

Über den Autor:

Peter Blaha, geboren 1954 in Frankfurt am Main, ist freier Journalist mit Spezialisierung auf „Managementsysteme“ und „Weinwirtschaft“ und DGQ-Mitglied. Er widmet sich neben der Erstellung von Fachbeiträgen seit jeher (und mit Vorliebe) dem nach seiner Meinung oft viel zu wenig beachteten Phänomen unklarer bis kurioser Formulierungen und Schreibweisen in der deutschen (Q-)Sprache. Wer dabei eine gewisse Nähe zur Argumentation des bekannten Journalisten Wolf Schneider zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch.

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