Fünf Gründe für das Zusammenspiel von Qualitäts- und Innovationsmanagement27 | 04 | 21

Bei meinem vorherigen Arbeitgeber war ich für das Innovationsmanagement verantwortlich. Als Dienstleistungsunternehmen wollten wir vor allem die Ideen der mehr als 3.000 Mitarbeitenden erschließen. Wir haben deren Vorschläge zentral gesammelt, bewertet und im besten Fall zur Umsetzung gebracht. Als wir dieses System einführten, waren allerhand Personen involviert – von der IT über Finance bis hin zum Betriebsrat. Nur das Qualitätsmanagement saß nicht mit am Tisch. Heute halte ich das für einen Fehler. Mindestens fünf Gründe sprechen aus meiner Sicht dafür, die QM-Abteilung stärker in den organisationsinternen Innovationsprozess einzubinden.

An vielen Punkten stehen sich Innovations- und Qualitätsmanagement diametral gegenüber: Innovation braucht Fehler und Scheitern. Das Qualitätsmanagement will dagegen Fehler vermeiden. Und kreativer Umbruch steht im Widerspruch zu Bemühungen um Standardisierungen. Dennoch kann das Qualitätsmanagement auch für Innovationsvorhaben einen Mehrwert bringen – insbesondere bei kleineren Organisationen oder Dienstleistungsunternehmen, die über keine ausdifferenzierte Produktentwicklung, Forschungs- oder Innovationsabteilung verfügen.

1. Qualität entsteht bereits im Produktdesign

70 Prozent aller Produktmängel haben ihre Ursache in der Entwicklung und Konstruktion. Es lohnt sich also, bereits in frühen Phasen mögliche Fehlereinflüsse genau zu betrachten. Zudem gilt: Je eher Fehler auffallen, desto kostengünstiger ist das für die Organisation. Genau hier können Qualitätsmanager und Qualitätsmanagerinnen mit ihrem Know-how und ihren Methoden unterstützen. So lässt sich beispielsweise bereits in der Entwurfsskizze eines Kinderspielzeuges erkennen, wo möglicherweise Bruchgefahr und ein Verletzungsrisiko besteht. Gleiches gilt für die Rezeptentwicklung bei Lebensmitteln. Hier spielt das Wissen um regulatorische Vorgaben oder etwaige Schadstoffbelastungen von Rohwaren eine entscheidende Rolle.

2. Prüfprogramme unterstützen Entwicklungsprozess

Darüber hinaus können entwicklungsbegleitende Produkttests den Markterfolg von Innovationen verbessern. So lassen sich verschiedene Prototypen oder Rezepturen miteinander vergleichen. Dabei generieren Verfahren aus der Qualitätssicherung wertvolles Wissen. Welches Material ist besonders langlebig? Welche Rohstoffe zeigen die besten Eigenschaften? Oder wie bewerten Probanden bestimmte Neuerungen? Innovationsteams gewinnen so wichtige Hinweise, wie sie gewünschte Produkteigenschaften erreichen können.

3. Innovation ist mehr als nur technologischer Fortschritt

Innovationen sind nicht zwingend neue Technologien, Produktentwicklungen oder Patente. Mitunter bringen neuartige Geschäftsmodelle, Kosteneinsparungen oder Prozessinnovationen eine Organisation ebenfalls voran. Dabei können Qualitätsmanager und Qualitätsmanagerinnen einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie mithelfen, Betriebs- und Geschäftsabläufe zu optimieren oder durch bessere zu ersetzen. Wir haben beispielsweise daran gearbeitet, durch IT-Einsatz die Zuordnung eingehender Kundenanfragen zu beschleunigen. Sie sollten durch einen automatischen Abgleich mit einem selbstlernenden Dienstleistungsverzeichnis direkt den richtigen Ansprechpartner finden. Ein Plus für die Kundenzufriedenheit und ein klarer Wettbewerbsvorsprung.

Gerade bei inkrementellen Innovationen, also schrittweisen Optimierungen, gibt es zudem Schnittstellen zum kontinuierlichen Verbesserungsprozess aus dem Qualitätsmanagement. Insbesondere auch dann, wenn Ideen der Mitarbeitenden zum Tragen kommen sollen. So waren viele Anregungen, die wir damals im Unternehmen eingesammelt haben, sicherlich keine disruptiven, bahnbrechenden Neuerungen. Es waren vielmehr Vorschläge für kleinere Verbesserungen zu Arbeitsabläufen, Serviceangeboten oder organisatorischen Dingen. Aber es waren sehr viele. Diese Verbesserungsideen systematisch nachzuverfolgen, ist entscheidend. Denn ihre Wirkung geht weit über die einzelne kleine Verbesserung hinaus. Es ist vielmehr der kumulative Effekt vieler hundert Kleinigkeiten, die eine Organisation insgesamt erfolgreicher machen. Dieses Potenzial will genutzt und entlang eines standardisierten Prozesses betreut werden. Eine Aufgabe, bei der das Qualitätsmanagement aus meiner Sicht eine wichtige Rolle übernehmen kann.

4. Qualitätsmanagement als Ideenquelle

Das Qualitätsmanagement kann darüber hinaus auch in der Phase der Ideengewinnung einen Beitrag im Innovationsprozess liefern. Besonders wertvoll sind Rückmeldungen der Kunden, die etwa über spezielle Erhebungen oder im Rahmen des Beschwerde- und Reklamationsmanagements eingehen. Sie können einen wichtigen Anstoß für Produkt- und Serviceverbesserungen geben. Und auch neue, regulatorische Anforderungen können Ausgangspunkt für Innovationen sein. Etwa wenn sich Zulassungsbedingungen für bestimmte Märkte ändern oder bestimmte Stoffe durch Alternativen ersetzt werden müssen, weil gesundheitliche und umweltschädliche Gefahren bekannt werden. So darf beispielsweise in Frankreich seit letztem Jahr Titandioxid nicht mehr als Zusatzstoff in Lebensmitteln verwendet werden. Wer solche Informationen frühzeitig beachtet, kann seine Produktentwicklung entsprechend darauf ausrichten.

5. Diversität steigert Kreativität

Und nicht zuletzt profitiert das Innovationsmanagement von heterogenen Teams. Durch das kreative Kreuzen verschiedenster Blickwinkel entstehen neue Ideen. Andere Herangehensweisen sind eine Bereicherung und ein Grund dafür, möglichst viele verschiedene Professionen – unter anderem eben auch das Qualitätsmanagement – in den Innovationsprozess einzubinden. In Hamburg gibt es beispielsweise sogar ein Projekt, das Künstler, Schauspieler und andere Kreativschaffende in Innovationsprojekte von Wirtschaftsunternehmen vermittelt, damit dort gänzlich neue Ansätze entstehen.

Es gibt also viele Argumente, innerhalb einer Organisation mit den Abteilungen näher zusammenzurücken, mehr miteinander zu sprechen und gemeinsam an der eigenen Zukunft zu arbeiten. Vor allem das Qualitätsmanagement ist in dieser Konstellation eine wichtige Schnittstellenfunktion und verfügt über vielfältige Ansätze, um den eigenen Innovationsprozess zu beschleunigen und zu bereichern. Hätte ich heute noch einmal die Chance dafür: ich würde es ausprobieren.

Über den Autor:

Torsten Laub leitet die Hamburger Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Qualität. Davor verantwortete er die Unternehmenskommunikation und das Innovationsmanagement eines großen Prüf- und Zertifizierungsunternehmens. Als studierter Kommunikationswissenschaftler hat er einen besonderen Blick auf die Rolle und Wahrnehmung des Qualitätsmanagements innerhalb von Organisationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.