Die fünf häufigsten Fehler in technischen Zeichnungen21 | 08 | 26

Technische Zeichnung, Qualitätssicherung, Maschinenbetrieb

In drei Beiträgen widmet sich Steffen Beutler den Anforderungen an Technische Zeichnungen. Im zweiten Teil geht es darum, dass Technische Zeichnungen heute anders gelesen werden müssen, als noch vor 20 Jahren. In Teil 1 der Beitragsreihe erfahren Sie mehr zu unverzichtbaren Pflichtangaben bei Technischen Zeichnungen.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer Straße, auf der früher 70 km/h erlaubt waren. Heute gilt dort Tempo 50. Wenn Sie geblitzt werden, hilft der Hinweis auf die frühere Regelung wenig. Entscheidend ist, was aktuell gilt.

Normen sind wie Verkehrsregeln. Sie entwickeln sich weiter. Wer Zeichnungen nach dem Wissensstand von vor 20 Jahren erstellt oder interpretiert, handelt im Reklamationsfall oder bei Sach- beziehungsweise Personenschäden schnell grob fahrlässig.

Drei Gründe, warum Zeichnungen heute anders gelesen werden müssen

Bevor wir die häufigsten Fehler anschauen, ein Blick darauf, warum sich die „Straßenverkehrsordnung“ der Technik so fundamental gewandelt hat und wir Zeichnungen heute anders lesen müssen.

  1. Vom Fertigungs- zum Funktionsbezug
    Seit der ISO 8015 (2011) beschreibt eine Zeichnung nicht mehr den Weg (die Fertigung), sondern das Ziel (die Funktion).
  2. Globale Lieferketten
    Teile werden heute oft extern gefertigt. Zeichnungen müssen daher als „Vertragsdokument“ weltweit ohne Rückfragen eindeutig sein.
  3. Digitale Messbarkeit
    Moderne Prüfmethoden verlangen präzise geometrische Definitionen statt vager Abstandsmaße.
Beitragsreihe zum ISO-GPS-Normensystem

Das „ISO-GPS-Normensystem“ ist zurzeit eines der größten Normensysteme der ISO (International Organization for Standardization). Es basiert auf Regeln und Grundsätzen zur eindeutigen und widerspruchsfreien Beschreibung und Spezifikation (Konstruktion) der Mikro- und Makro-Geometrie (Größenmaß, Form, Richtung, Ort, Lauf, Oberfläche, Rauheit) eines Werkstückes. Das Ziel ist es, die funktionalen Anforderungen an Bauteilen und Baugruppen zu erfüllen. In acht aktualisierten Fachartikeln erhalten Sie einen Überblick über das ISO-GPS-System, den aktuellen Normungsstand, die Tolerierungsgrundsätze, das GPS-Matrix-Modell und die Möglichkeiten zur Anwendung. Jetzt informieren »

Das sind die fünf häufigsten Fehler, die in der Praxis bei der Erstellung und Interpretation technischer Zeichnungen kostspielig werden können.

Fehler 1: Das Passungs-Problem

Das Problem:
Es wird angenommen, dass die Angabe „Ø20 H7“ automatisch Maß, Form und Lage perfekt definiert.

Die Ursache:
Nach dem heute geltenden Unabhängigkeitsprinzip gilt eine Toleranz nur für das lokale Zweipunktmaß.

Die Konsequenz:
Die Bohrung darf theoretisch „bananenförmig“ oder unrund sein, solange die Messpunkte innerhalb der Toleranz liegen. Für eine präzise Führung reicht dies jedoch oft nicht aus.

Die Lösung:
Nutzen Sie die Hüllbedingung (Symbol Ⓔ) oder ergänzen Sie Formtoleranzen wie die Zylindrizität.

 

Fehler 2: Die Mehrdeutigkeit von Abstandsmaßen

Das Problem:
Funktionsgeometrien, wie Stufenmaße oder Bohrungsabstände, werden wie simple Längenmaße mit ±-Toleranzen versehen.

Die Ursache:
Mit der Einführung der Normenreihe ISO 14405 (2011) sind solche Maße oft mehrdeutig, da keine klaren Messregeln für die Zweipunktmessung existieren.

Die Konsequenz:
Zwei Prüfer messen dasselbe Teil und erhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit unterschiedliche Werte. Streitigkeiten in der Qualitätssicherung sind damit vorprogrammiert.

Die Lösung:
Solche „mehrdeutige Maße“ müssen geometrisch über Positions- oder Profiltoleranzen definiert werden.

 

Fehler 3: Interpretation durch „Raten“ statt methodische Analyse

Das Problem:
Sobald ein komplexer Toleranzrahmen erscheint, wird die Bedeutung oft geschätzt, statt sie präzise zu lesen.

Die Ursache:
Fehlende Routine im Umgang mit dem ISO-GPS-System führt zu Unsicherheit bei den Mitarbeitern aus der Fertigung und Qualitätssicherung.

Die Konsequenz:
Es werden unnötig enge Toleranzen gefertigt oder korrekte Teile fälschlicherweise als Ausschuss deklariert.

Die Lösung:
Zerlegen Sie den Toleranzrahmen methodisch: Was wird toleriert? Wie sieht die Zone aus? Welche Bezüge geben die Richtung vor?

 

Fehler 4: Missachtung des Unabhängigkeitsprinzips

Das Problem:
Man glaubt, dass Maßtoleranz und Formtoleranz sich gegenseitig begrenzen (z. B. Dicke 10 ±0,1 mm und Ebenheit 0,2 mm).

Die Ursache:
Das Unabhängigkeitsprinzip besagt, dass diese Werte getrennt voneinander gelten.

Die Konsequenz:
Ein Bauteil kann lokal maßhaltig sein, aber durch die Formabweichung eine „effektive Hüllgeometrie“ von 10,3 mm erreichen. Es passt nicht in die Baugruppe, obwohl das Messprotokoll „i.O.“ anzeigt.

Die Lösung:
Prüfen Sie die Einbausituation und nutzen Sie gegebenenfalls die Hüllbedingung, um Maß und Form zu koppeln.

 

Fehler 5: Ungenaue Symbolik bei Pfeilen und Durchmessern

Das Problem:
Die Position des Pfeils oder ein fehlendes Durchmesser-Symbol (Ø) verändern die gesamte Bedeutung der Toleranz.

Die Ursache:
Unachtsamkeit bei der Erstellung des Toleranzrahmens oder der Pfeilplatzierung.

Die Konsequenz:
Ein Pfeil auf der Kante toleriert die Oberfläche, ein Pfeil auf den Maßpfeil hingegen die (unsichtbare) Mittelachse. Ein fehlendes Ø-Symbol macht aus einer zylindrischen Toleranzzone plötzlich einen Raum zwischen zwei parallelen Ebenen.

Die Lösung:
Arbeiten Sie präzise nach den Vorgaben der ISO 1101 und stellen Sie sicher, dass jedes Symbol exakt an der richtigen Stelle sitzt.

Fazit: „Up-to-date“ bleiben ist Pflicht

Technische Zeichnungen sind keine unverbindlichen Skizzen, sondern rechtlich verbindliche Vertragsdokumente. Prüfen Sie daher kritisch, ob Ihre Zeichnungen der aktuellen „Straßenverkehrsordnung“ der Technik entsprechen. Achten Sie darauf, dass alle Personen, die mit Zeichnungen arbeiten, den aktuellen Normenstand kennen und anwenden können. Unwissenheit schützt im Reklamationsfall nicht vor Nacharbeit, Schadensersatz oder Haftung.

Lesen Sie in Teil 1 der Beitragsreihe mehr zu unverzichtbaren Pflichtangaben bei Technischen Zeichnungen.

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Über den Autor: Steffen Beutler

Steffen Beutler
Steffen Beutler ist Sachverständiger für die Bereiche Technische Dokumentation und Mess- und Prüftechnik. Nach seinem Studium an der Uni Stuttgart arbeitete er in der Halbleiter- und Feinwerktechnik, dabei leitete er internationale Projekte. Heute vermittelt er sein Wissen zur technischen Spezifizierung und Prüfung als Berater und als Trainer in Inhouse-Seminaren. Damit trägt er zur einheitlichen technischen Kommunikation zwischen Kunden und Lieferanten bei, was zu einer deutlichen Reduzierung von Zeit und Geld führt.