Gatekeeper Hausnotruf triggert die Pflege25 | 03 | 26

Notfallknopf, Hausnotruf, modulare Assistenzsysteme

Die dritten Kasseler Hausnotruftage vom 3. bis 5. März 2026 haben eindrucksvoll gezeigt: Der Hausnotruf steht an einem doppelten Wendepunkt. Unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuz traf sich die Branche zu einer dreitägigen Veranstaltung, die zugleich interne Vernetzung und eine internationale Innovationsplattform bot.

Die zwei Meilensteine lassen sich in zwei Leitfragen fassen:

  1. Lässt der Hausnotruf die über Jahrzehnte gewachsene Systemlogik hinter sich und nutzt die Chancen der Digitalisierung?
  2. Können Haus- und Mobilnotruf eine entscheidende Rolle bei der von der Bundesregierung beabsichtigten Neuausrichtung der Pflegeversicherung spielen, die voll auf Prävention im pflegerischen Handeln setzt?

Vom Notrufsystem zum Bestandteil der pflegerischen Versorgung

Der Hausnotruf ist kein neues System. Im Gegenteil, er ist gewissermaßen das Assistenzsystem der ersten Stunde. Seit fast fünf Jahrzehnten sorgt er dafür, dass Menschen – insbesondere im Alter – länger und sicherer in ihrem eigenen Zuhause leben können. Aus einem analogen Notrufknopf ist inzwischen eine Plattform entstanden, die Sprache, Sensordaten und zunehmend auch digitale Assistenzsysteme für die pflegerische Versorgung miteinander verbindet. Der Hausnotruf hat sich zu einem zentralen Knotenpunkt der technischen Unterstützung für Teilhabe und Gesundheit im Alltag entwickelt.

Hausnotruf und Mobilnotruf sind darüber hinaus Pflegehilfsmittel und im Hilfsmittelkatalog der Kassen gelistet. Das bedeutet aber in der Praxis bisher nicht, dass es ein enges Zusammenspiel zwischen Notruf und Pflege gibt. Denn eigentlich unterstützt der Dienst keinen originären Pflegeprozess, er integriert wenig pflegerisches Know-how. Entsprechend bestehen auch für das Personal in den Notrufzentralen, das die eigentliche Notrufleistung erbringt, bislang nur wenige fachliche Berührungspunkte mit der Pflege.

Diese Situation könnte sich jedoch ändern. Wenn im Zuge einer Neujustierung der Pflegeversicherung die Prävention stärker in den Mittelpunkt des pflegerischen Handelns rückt, gewinnt der Hausnotruf eine neue Rolle. Denn er steht häufig am Beginn der Versorgungskette und kann frühzeitig Hinweise auf Unterstützungs- oder Pflegebedarfe liefern. Hier liegt ein bislang kaum ausgeschöpftes Potenzial für präventive Pflege.

Menschlichkeit bewahren, Technologie nutzen

Trotz seiner langen Geschichte ist der Kern der Notrufleistung bis heute unverändert geblieben – und genau darin liegt seine besondere Stärke. Der Hausnotruf und die weiterentwickelte Version „Mobilnotruf“ verbinden Technik mit menschlicher Nähe. Hinter jedem ausgelösten Alarm steht eine Notrufzentrale, die rund um die Uhr erreichbar ist. Dort werden eingehende Informationen qualifiziert bewertet, Hilfe organisiert und vor allem: Es meldet sich ein Mensch! Diese unmittelbare menschliche Kontaktmöglichkeit ist ein Alleinstellungsmerkmal des Systems – und ein entscheidender Faktor für das Sicherheitsgefühl der Nutzerinnen und Nutzer.

Gerade deshalb darf die Digitalisierung des Hausnotrufs nicht als Ersatz für menschliche Betreuung verstanden werden. Vielmehr geht es darum, das bestehende System intelligenter zu machen. Die Fachmesse der Kasseler Hausnotruftage zeigte deutlich, wie weit viele Technologien inzwischen sind. Unternehmen wie Legrand, iLogs, NOX, VIVAIcare oder Veli präsentierten Lösungen, die längst marktreif sind.

Der Markt ist in Bewegung und bietet viele Lösungen, die technisch anspruchsvoll sind, aber nicht die hohen und häufig teuren Anforderungen von Medizinprodukten erfüllen müssen. Die Systeme reichen von Smart-Home-Anwendungen über Sensorik bis hin zu komplexen Datenauswertungs-Tools. Sie können im Ernstfall den Zugang zur Wohnung erleichtern, Stürze erkennen oder ungewöhnliche Situationen frühzeitig melden.

Die Herausforderungen liegen daher nicht mehr in der technischen Entwicklung, sondern in der Umsetzung. Technologie muss zuverlässig funktionieren und sich nahtlos in den Alltag der Menschen integrieren. Dann kann sie Vertrauen schaffen und nachhaltig ihren eigentlichen Nutzen entfalten.

Intelligente Notrufsysteme: Potenziale für präventive Pflege

Auf den Hausnotruftagen wurde eine weitere Herausforderung deutlich. Zwar ist der Dienst formal als Pflegehilfsmittel anerkannt. In der Praxis agieren Hausnotruf und Pflege jedoch häufig eher nebeneinander als miteinander. Ein Grund dafür liegt in der Organisation vieler Hausnotruf-Dienste. Pflegemitarbeitende übernehmen oft zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben den sogenannten Hintergrund- oder Schlüsseldienst für den Hausnotruf. Für eine Berufsgruppe, die ohnehin unter erheblichem Ressourcen- und Zeitdruck steht, bedeutet das zusätzlichen Aufwand.

Diese Problematik wurde auch in der Podiumsdiskussion „Zukunftsfest oder Kodak-Moment – Wie besteht der Hausnotruf im digitalen Zeitalter?“ deutlich. Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Verbänden und Innovationsprojekten diskutierten dort, wie der Hausnotruf langfristig relevant bleiben kann und wie sich die bestehenden strukturellen Herausforderungen angemessen berücksichtigen lassen.

Gleichzeitig wurde in der Diskussion deutlich, dass die im Hausnotruf entstehenden Daten weit mehr leisten können als lediglich akute Hilfe. Richtig genutzt, bieten sie erhebliches Potenzial für Wirksamkeit und Qualität der Pflege. Bewegungsprofile, Sensorinformationen oder Hinweise auf Veränderungen im Alltag können dazu beitragen, Pflegeprozesse frühzeitig anzupassen, Risiken zu erkennen und Versorgungsbedarfe besser zu planen. Kurz gesagt: Die Verbindung von Assistenzsystemen, Datenanalyse und künstlicher Intelligenz kann dazu beitragen, Pflege präventiver, effizienter und individueller zu gestalten und schließlich Lebensqualität und Qualität der Pflegeleistungen zu verbessern.

Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels in der Pflege gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung. Wenn administrative Abläufe digital unterstützt und vorhandene Daten intelligent ausgewertet werden, entsteht mehr Zeit für das, was im Kern guter Pflege steht: Beziehungsarbeit und die direkte Zuwendung zu Menschen.

Der Hausnotruf könnte damit zu einem zentralen Baustein einer modernen, datenbasierten Versorgungsstruktur werden. Telepflege, digitale Sensorik und KI-gestützte Pflege-Assistenzsysteme lassen sich über ihn miteinander vernetzen. Voraussetzung dafür ist, dass Innovation nicht nur technisch geplant, sondern auch organisatorisch und politisch unterstützt wird – etwa durch passende Finanzierungsmodelle und klare Rahmenbedingungen.

Mit Technologie zu Menschlichkeit und Qualität

Die Kasseler Hausnotruftage haben deutlich gemacht, dass die technischen Möglichkeiten längst vorhanden sind. Wichtig ist nun, ihren konkreten Nutzen für die Pflege systematisch zu untersuchen, tragfähige Finanzierungsmodelle zu entwickeln und die Technologien sinnvoll in die Versorgung zu integrieren.

Der Hausnotruf der Zukunft wird dabei weder eine reine Technologieplattform noch ein nostalgisches Sicherheitsinstrument sein. Seine Stärke liegt gerade in der Verbindung beider Welten. Die persönliche Stimme in der Notrufzentrale bleibt unverzichtbar – als menschlicher Anker in einer zunehmend digitalisierten Versorgungslandschaft.

Gelingt es, diese menschliche Komponente mit modernen Assistenzsystemen, digitaler Vernetzung und KI-gestützter Datenanalyse zu verbinden, kann der Hausnotruf weit mehr leisten als das Auslösen eines Notrufs. Er entwickelt sich zu einem zentralen Baustein für mehr Sicherheit, eine bessere pflegerische Versorgung und für mehr Lebensqualität in der individuellen Lebenswelt.

Über den Autor: Holger Dudel

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Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.