Homo qualitus: Qualität und ihr Menschenbild18 | 02 | 26

Wer sich mit Qualitätsmanagement beschäftigt, stößt früher oder später auf ein stillschweigendes Leitbild: den Menschen als vernünftiges, lernfähiges und verantwortungsbereites Wesen, das Qualität nicht nur ausführt, sondern bewusst begreift und aktiv mitgestaltet. In diesem Zusammenhang tritt der Homo qualitus auf die Bühne – als Gegenentwurf zu rein ökonomischen oder mechanistischen Vorstellungen des Menschen. Der Homo qualitus orientiert sich an Sinn und Werten, nicht an Nutzen und Anreizen. Er denkt und wirkt mit, statt stumpf abzuarbeiten. Doch wie tragfähig ist dieses Menschenbild? Und wie realistisch ist die Erwartung, dass Menschen im Alltag dauerhaft rational, regelkonform und qualitätsorientiert handeln?
Die Herkunft des „Homo qualitus“
Der Begriff Homo qualitus geht auf eine 2023 veröffentlichte Studie zur Reform des britischen National Health Service (NHS) zurück. In den Debatten um Modernisierung, Effizienzsteigerung und Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen zeigte sich, dass Reformen nicht allein an der richtigen Struktur oder an neuen Steuerungsmechanismen hängen. Entscheidend war vielmehr, welches Menschenbild – im Sinne einer Ressource – hinter den Veränderungsprogrammen stand: Wird der Mensch als Kostenfaktor betrachtet, der kontrolliert werden muss? Oder als verantwortlicher Akteur, der Qualität erst möglich macht?
In dieser Reformdiskussion entstand Homo qualitus als Gegenfigur zu verbreiteten Management-Menschenbildern, die primär auf Anreize, Druck oder Kontrolllogik setzen. Der Begriff beschreibt ein Rollenverständnis, das besonders für komplexe Organisationen wie Krankenhäuser plausibel wirkt: Qualität entsteht dort nicht automatisch durch Regeln, sondern durch das Zusammenspiel professioneller Urteilskraft, situativer Anpassung und interdisziplinärer Kooperation. Gerade in einem Umfeld, in dem Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen – etwa in Diagnostik, Pflege oder Therapie – wird deutlich: Ein rein mechanisches Prozessverständnis greift zu kurz.
Träger von Wissen, Verantwortung und Sinn
Der Homo qualitus steht somit für ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass Qualität nicht nur „gemanagt“, sondern gelebt wird. Menschen sind nicht bloß Ausführende von Vorgaben, sondern Mitgestalter von Prozessen. Qualitätsfähigkeit bedeutet dabei mehr als fachliche Kompetenz: Sie umfasst Aufmerksamkeit, Verantwortungsbewusstsein, Reflexionsvermögen und die Bereitschaft, kontinuierlich zu lernen und zu verbessern.
Im Qualitätsmanagement spiegelt sich dieses Bild etwa in der Idee des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP) wider, in modernen Konzepten von Fehlerkultur oder in partizipativen Formaten wie Quality Circles und Lessons-Learned-Ansätzen. Der Homo qualitus erkennt Abweichungen, meldet Probleme, sucht Ursachen, beteiligt sich an Lösungen – und versteht Standards nicht als Einschränkung, sondern als Orientierung für gemeinsames Handeln. Damit ist er eng verwandt mit einer humanistischen Organisationsauffassung: Menschen sind keine Störgrößen im System, sondern zentrale Träger von Wissen, Verantwortung und Sinn.
Wie realistisch ist dieses Menschenbild?
So verlockend und attraktiv dieses Bild ist, so deutlich zeigt die Sozialpsychologie, dass die Vernunftfähigkeit des Menschen begrenzt ist – und oft überschätzt wird. Bereits Michel de Montaigne, ein skeptischer Denker der Renaissance, war überzeugt, dass der Mensch sich selbst nur unzureichend kennt. Er beschrieb, wie sprunghaft und widersprüchlich unser Denken sein kann, wie sehr wir uns an Gewohnheiten klammern und wie leicht wir uns durch Stimmungen, Eitelkeit oder soziale Erwartungen beeinflussen lassen. Schon hier wird deutlich: Der Mensch ist kein rein rationaler Qualitätsakteur, sondern ein Wesen voller innerer Unordnung.
Der schottische Philosoph David Hume verschärft diese Kritik in der Aufklärung: Vernunft, so Hume, sei keineswegs die treibende Kraft unseres Handelns. Berühmt ist seine These, dass die Vernunft „Sklavin der Leidenschaften“ sei. Entscheidungen entstehen nicht zuerst aus logischer Abwägung, sondern aus Gefühlen, Vorlieben, Abneigungen – und die Rationalität liefert häufig nur nachträgliche Rechtfertigungen. Übertragen auf das Qualitätsmanagement heißt das: Auch wenn Regeln eindeutig sind und Prozesse gut dokumentiert, bedeutet das nicht, dass Menschen sie aus Einsicht befolgen. Häufig handeln sie aus Bequemlichkeit, Stress, Angst vor Sanktionen oder aus Loyalität zur Gruppe.
Der Elefant im Raum
Diese beiden exemplarisch gewählten Positionen werden unter anderem durch den zeitgenössischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt auf empirischer Grundlage weitergeführt. Haidt beschreibt den Menschen als „intuitives Wesen“: Moralische und soziale Urteile entstehen blitzschnell, während das rationale Denken oft erst hinterher einsetzt, um die spontane Entscheidung zu begründen. Seine bekannte Metapher vom „Reiter“ (Vernunft) und „Elefant“ (Intuition) macht klar: Der Elefant ist stark, der Reiter oft nur ein Kommentator. In Organisationen bedeutet das, dass „Qualitätsbewusstsein“ nicht allein durch Argumente oder Schulungen entsteht, sondern durch Kultur, emotionale Sicherheit, soziale Normen und erlebte Gerechtigkeit.
All diese Positionen widersprechen dem Homo qualitus nicht– aber sie relativieren ihn. Menschen können durchaus qualitätsorientiert handeln. Doch sie tun es nicht automatisch. Sie brauchen Rahmenbedingungen, die ihrer tatsächlichen Psychologie entsprechen: klare Prioritäten, realistische Arbeitslast, verständliche Standards, Feedback ohne Angst, Vorbilder im Verhalten und eine Kultur, in der Lernen wichtiger ist als Schuldzuweisung.
Realistisch bleiben
Das Menschenbild im Qualitätsmanagement muss nicht pessimistisch sein. Es wäre falsch, den Menschen grundsätzlich als irrational und unfähig abzuschreiben. Gleichzeitig wäre es gefährlich, ihn als verlässlich vernünftig zu idealisieren. Der Homo qualitus ist weniger eine Beschreibung dessen, was Menschen immer sind, sondern ein Zielbild dessen, was Organisationen fördern können. Qualitätsmanagement gelingt dort am besten, wo es weder auf blinden Optimismus noch auf Misstrauen setzt, sondern auf nüchternen Realismus: Menschen sind fehlbar, beeinflussbar und oft emotional – aber eben auch lernfähig, kooperationsbereit und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, wenn die Bedingungen stimmen.
Der Mensch ist nicht per se vernünftig. Jonathan Haidts Elefanten im Raum zu ignorieren, ist keine Lösung. Zumal dieser sich vielleicht freut, wenn sich (endlich) jemand zum Reiten aufschwingt, der ihn richtig anzunehmen und zu lenken weiß.