Normungs-Netzwerk treibt Qualität in der Pflege4 | 04 | 25

Pflege, AAL, Active Assisted Living, Digitale Assistenzsysteme

Die Entwicklung digitaler Assistenzsysteme ist eine Schlüsseldisziplin bei der Bewältigung der durch die Demografie bedingten Herausforderungen in der Pflege und in anderen sozialen Diensten. Der Hausnotruf machte vor über fünfzig Jahren den Anfang und hat sich mit der Digitalisierung stetig weiterentwickelt. Mittlerweile gibt es viele Produkte und Technologien, die Pflege unterstützen, entlasten und sogar das Potenzial haben, ihre Qualität zu verbessern.

Normungsgremien bieten den Unternehmen, die an der Entwicklung solcher Systeme beteiligt sind, die Gelegenheit für einen Austausch über die technischen Anforderungen hinaus. Das ist bei Lösungen für die Pflege von hohem praktischem Nutzen.

Das haben gut zwei Dutzend Teilnehmende bei einer Online-Veranstaltung bestätigt, die von der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) im Januar in Zusammenarbeit mit der DGQ unter dem Titel „Vernetzung und Normungsbeteiligung der AAL-Community im Themenfeld AAL“ veranstaltet wurde. AAL ist ein englisches Akronym für Active Assisted Living und bedeutet frei übersetzt alltagsgerechte Assistenz-Lösungen. Es umfasst ein weltweites, branchenübergreifendes Netzwerk von Expert:innen für die Entwicklung und Standardisierung intelligenter Technik für soziale Dienstleistungen.

Wirkung durch Vernetzung

Das Treffen war eine Auftaktveranstaltung für die weitere Vernetzung und legte offen, dass klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) im Normungs-Netzwerk unterrepräsentiert sind. Außerdem fehlt derzeit noch eine digitale Plattform für die fachübergreifende Zusammenarbeit. Gleichzeitig wurden die Vorteile einer derartigen Vernetzung deutlich. Sie reichen von Chancen für die Produktentwickelnden über die Bereicherung der Normungsarbeit bis hin zur Verbesserung der Qualität von Produkten und Leistungen im Pflegesektor.

Die Veranstaltung zeigt unmittelbar Wirkung. Es sind bereits zwei Teilnehmende den AAL-Normungsgremien beigetreten. Außerdem werden eine Folgeveranstaltung und Werkzeuge für die laufende Vernetzung von Interessierten vorbereitet.

Weitreichende Stärkung

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sieht in der digitalen Teilhabe eine Chance zur Behebung des Ressourcen-Mangels und gleichzeitig einen Schlüssel für den Ausgleich von Benachteiligungen. Im neunten Altersbericht bringt das Ministerium es auf den Punkt: Der Unterstützungsbedarf in der Altenhilfe übersteigt die verfügbaren Mittel und Ressourcen. Bei mindestens vier von zehn Pflegenden in der Langzeitpflege hat das direkten Einfluss auf die Qualität ihrer Arbeit.

Die Erkenntnis, dass digitale Hilfsmittel in der Gesundheitsversorgung viele Chancen bieten und großes Potential auch für die Qualität der Pflege haben, ist nicht neu. Aber die Einsicht scheint sich erst langsam durchzusetzen, welchen Beitrag die Normung in dem Bereich leisten kann. Denn sie strukturiert die Dinge aus einer politisch neutralen, fachlich begründeten und wirtschaftlich unabhängigen Perspektive. Damit hebt sie sich von den herkömmlichen Playern in der Gesundheitswirtschaft ab, was wiederum aus Sicht der Pflegepolitik und der Kostenträger ein Vorteil ist.

Die Pflegekassen sind jetzt auf das Normungsgremium aufmerksam geworden und wollen das AAL-Systemkomitee bei der Kalibrierung der entsprechenden Produktgruppe im Hilfsmittelkatalog berücksichtigen. Denn dort klafft in Bezug auf digitale Assistenzsysteme eine Leerstelle. Diese Kooperation hat großes Potenzial und stärkt die Qualitätsperspektive bei der Nutzung von Assistenzsystemen in der Pflege.

Netzwerk mit Qualitätsperspektive

Ohne Zulassung durch Kostenträger und dauerhaft gesicherte Finanzierung, spielt sich dieser Markt bisher im Vagen ab. Denn es sind oft kleine Start-Ups mit guten Ideen, denen aber die Ressourcen für eine Einbeziehung breiter pflegefachlicher Expertise und Evidenz bei der Entwicklung fehlt und die auch nicht über die Mittel zu einer ausreichend zielgerichteten Vernetzung verfügen.

Die Mängel an nachhaltiger Finanzierung, pflegefachlicher Expertise und politischer Lobby verstärken sich gegenseitig. Bisher sind daher viele sinnvolle Systeme, die einen dauerhaften Beitrag zur Lösung der massiven Herausforderungen leisten könnten, auf zeitlich begrenzte Projekt- oder Fördermittel angewiesen.

Jetzt gibt es die Chance, dass die innovativen Unternehmungen ein Netzwerk bilden. Das kann sich auf den Weg machen, die zahlreichen Erwartungen zu erfüllen, die in dem abschließenden Austausch gesammelt wurden. Die reichen von der Verbesserung der Sichtbarkeit des Themenfelds über die Integration und Verlinkung von Technik und Pflege bis hin zur nachhaltigen Finanzierung.

Die DGQ wird die Initiative begleiten und steht als Partner mit Qualitätsperspektive und mit ihrem Netzwerk zur Verfügung.

Teilnahme am DGQ-Fachkreis Qualität in der Pflege

Der DGQ-Fachkreis Qualität in der Pflege hat sich zum Ziel gesetzt, die interdisziplinäre Vernetzung und den sektorenübergreifenden Austausch zu aktuellen fachbezogenen Themen zu fördern. Der Fachkreis versteht sich als engagierte und dynamische Gemeinschaft von DGQ Mitgliedern, die sich leidenschaftlich für die Förderung von Qualität und Innovation in der Pflege einsetzen. Er vertritt eine integrierte Sicht der Qualität, indem die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden.
Wenn Sie Interesse an einer Mitarbeit im DGQ-Fachkreis Qualität in der Pflege haben, informieren Sie sich hier.

Über den Autor: Holger Dudel

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Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.