Wir sind Fields-Medaillengewinner! Ein Appell für mehr Mathematik in der Qualitätssicherung2 | 08 | 18

Peter Scholze hat gestern die Fields-Medaille erhalten, die höchste Auszeichnung in der Mathematik. Nun sind wir also Fields-Medaillen-Gewinner, so wie wir schon einmal Papst und zuletzt 2014 Fußballweltmeister waren. Ich selbst kannte bis dahin weder Peter Scholze, noch die Fields-Medaille. Und ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht einmal im Ansatz verstehen werde, welche bahnbrechende Theorie der Dreißigjährige ausgearbeitet hat, der bereits seit sieben Jahren Professor der Universität Bonn ist – Matheleistungskurs hin, mathematikdurchzogenes Ingenieurstudium her. Die wenigen Mathematiker, die ihn verstehen, halten ihn für ein Ausnahmetalent, für ein Genie. Von ihm ist wohl noch einiges zu erwarten.

Also, noch einmal, wir sind Fields-Medaillengewinner. Ein schöner Trost, wo wir doch so früh bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden sind. Ich bin auch überzeugt, dass für mich und meine Tochter Mathematik viel wichtiger ist, als Fußball. Die Digitalisierung, die unser Leben bereits so stark prägt und die rasant weiter vorschreitet und Wirtschaft und Gesellschaft transformiert, basiert nämlich nicht auf Apps, die basiert auf Mathematik. Dabei ist kaum eine Disziplin so verachtet und gefürchtet wie die Mathematik. Prominente kokettieren in der Öffentlichkeit damit, sie seien in Mathe nicht gut gewesen. Mathe 5 aber Torschützenkönig in der Kreisliga ist gesellschaftlich akzeptiert; Mathe 1 und ein schlechter Kicker führt zum Bedauern und zur Klassifizierung als Nerd. Wir haben es als Gesellschaft geschafft, eine der wichtigsten Zukunftsdisziplinen und ihre Protagonisten zu stigmatisieren und zu ignorieren.

Auch in Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung ist die Mathematik auf dem Rückzug. Es scheint, als sei die wichtigsten Kompetenzen von Qualitätlern die Textanalyse und die Moderation. Als sei ISO 9001 wichtiger als Arithmetik, die FMEA wichtiger als die Geometrie, das Audit wichtiger als Differenzialrechnung. Statistische Analyse, Zuverlässigkeitsberechnungen, Berechnungen und Simulationen von Produkteigenschaften sind fundamentale Disziplinen, die für die Innovation und Qualität von Produkten und die Herstellung der Qualitätsfähigkeit von Prozessen und ganzen Organisationen erfolgsentscheidend sind. Mathematik müssen wir beherrschen um Qualität erzeugen zu können.

Allerdings ist es durchaus anstrengend, sich die beruflich dringend erforderlichen mathematischen Kompetenzen anzueignen und anzuwenden. Aber unser Ziel darf doch nicht Anstrengungslosigkeit sein. In der QM-Lehrgangsreihe der DGQ ist der Statistik-Part der unbeliebteste und meistkritisierte. Großer Gott, das ist doch einfache Alltagsmathematik. Eine offene, positive Grundhaltung, ein wenig Konzentration, ein bisschen Übung und das sitzt. Allerdings gilt es, das Wissen auf die eigene Tätigkeit zu übertragen, sich ggfs. noch weiteres mathematisches Wissen anzueignen und das dann auch regelmäßig einzusetzen. Mit zunehmendem Können kommen auch die Erfolge und damit hoffentlich auch der Spaß an diesem Teil der Arbeit Wer hat denn noch richtig gute Mathematiker im Unternehmen? Warum nicht selbst z.B. als Qualitätsingenieurin oder Qualitätsmanager einer von ihnen werden und sein?

Meine Tochter hat jetzt übrigens den Matheleistungskurs gewählt, nächste Woche geht’s los. Auf Empfehlung ihres Mathelehrers, aufgrund eigener Überlegungen für eine spätere Berufswahl und ohne Manipulation des matheachtenden Vaters hat sie ihre Wahl getroffen, Mathe und Kunst. Ich freue mich sehr darüber. Mathe ist halt nicht alles, aber ganz ohne Mathe ist im Beruf alles Nichts. Rechnen Sie’s nach!

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff analysiert für die DGQ Trends und richtet die Facharbeit des Vereins darauf aus. Als Leiter Innovation & Transformation arbeitet er mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft und Gesellschaft und besonders das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung beeinflussen und prägen werden. Im QLAB der DGQ, ihrem Design Thinking Labor, entstehen unter der Moderation des Teams Innovation neue Lösungen für die DGQ und für Organisationen. Sommerhoff hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert und ist seit 18 Jahren in unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen für die Deutsche Gesellschaft für Qualität tätig.

benedikt.sommerhoff@dgq.de 0 69 954 24-112

Ein Kommentar bei “Wir sind Fields-Medaillengewinner! Ein Appell für mehr Mathematik in der Qualitätssicherung”

  1. f51c8d190ea077535074e1ef84eef3fa Jochen Heins sagt:

    Ja, das triff den Nagel. Danke dafür! Nur eine kleine Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen: Mathe und Rechnen? Ein weit verbreitetes Missverständnis. Das ist eher so wie Formeleins organisieren und fahren. Rechnen – das tun die Fahrer, pardon, Anwender, und brauchen dafür Grundfähigkeiten, die in der Leistungsspitze zur Perfektion gebracht werden (Talent und hartes Training). Mathe: Das ist die Ermöglichung des Ganzen, z.B. die Konstruktion der benötigten Boliden, was andere Fähigkeiten und Talente erfordert, die dann vom Fahrer, pardon, Anwender, genutzt werden. Statistik z.B.: Welche Methode kann ich wann und warum einsetzen? = Mathe. Messen-zählen-wiegen, pardon, Methode anwenden, = Statistikfahrer, pardon, Anwender. Und selbst der überlässt das Rechnen dann oft Excel und Co …

    Mathe ist logische Deduktion, Rechnen ist Anwendung der Ergebnisse dieser Arbeit. Peter Scholze ist definitiv ein hervorragender Mathematiker, Chapeau, vielleicht auch ein perfekter Kopfrechner – das wissen wir aber nicht. Ich kenne Mathematiker, die scheitern beim Zusammenrechnen der Einkaufsliste vor der Kasse im Supermarkt ….

    Dieses (eigentliche kleine) Missverständnis zwischen Mathe und Rechnen trägt sicherlich oftmals zur im Artikel benannten Phänomenologie bei. Bei Literatur und Schreiben passiert dies offenbar nicht – Literaturwissenschaftler müssen schreiben können – Basiskompetenz für jede Veröffentlichung. Auch sind die behandelten Themen oft anschlussfähiger, da Literatur von Natur aus ja aus dem gesellschaftlichen Kontext kommt. Daher fallen uns die echten Nerds dort wohl weniger auf, der Literaturwissenschaftler ist so oftmals sozial kompatibler. Aber Mathematiker müssen definitiv nicht rechnen können ….

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