„Kirchgänger als Kunden zu betrachten, ist ein No-Go in der Kirche“10 | 03 | 16

Der DGQ-Fachkreis „Q-Berufe“ will über das vielfältige Berufsfeld von Qualitätsverantwortlichen informieren. Zu diesem Zweck habe ich 2015 DGQ-Mitglieder zu ihren Tätigkeiten befragt. Zwar ließen sich typische Aufgaben kartographieren, aber wie so oft – nicht alle passen in das Muster: Ein Gemeindepfarrer, der die Ausbildung zum DGQ-Qualitätsbeauftragten absolviert hat, geht das? Darüber habe ich mit Folkert Fendler gesprochen.

Herr Fendler, Sie sind am Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst, Hildesheim, tätig. Was muss man sich unter dem Zentrum vorstellen?

Das Zentrum ist eine Einrichtung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es wurde 2009 zusammen mit zwei weiteren sogenannten Reformzentren der EKD für die Dauer von zunächst nur fünf Jahren errichtet und läuft jetzt noch bis 2017, dem Jubiläumsjahr der Reformation. Das Hildesheimer Zentrum ist der Versuch, für die Qualität pastoraler Arbeit am Gottesdienst neue Impulse zu entwickeln, indem man vom Qualitätsmanagement lernt.

Welches sind dort Ihre Hauptaufgaben?

Wir haben in den vergangenen Jahren an drei Schwerpunkten gearbeitet: Wir haben erstens gesichtet, anhand welcher versteckter Qualitätskriterien bis jetzt Gottesdienste gefeiert werden, zweitens haben wir einen interdisziplinären Dialog mit dem QM geführt und drittens versucht, die Feedback-Kultur unter den Gottesdienstverantwortlichen durch neue Methoden zu stärken. Dazu haben wir in ganz Deutschland sogenannte Kirchenkreismodellprojekte durchgeführt, also etwa Methoden der kollegialen Hospitation oder des Gemeindefeedbacks erprobt und ausgewertet. Zur Analyse von Gottesdiensten und ihrer Vorbereitung sind in dieser Zeit verschiedene Modelle unter Qualitätsgesichtspunkten entwickelt worden. 2014/ 15 fand unter unserer Leitung der erste bundesweite ´Gottesdienstcoachkurs` statt, eine Weiterbildung für Pastorinnen und Pastoren, die sie zur Beratung befähigt.

Was bedeutet Qualität/ Qualitätsmanagement in Ihrem Zentrum?

In der Kirche herrscht ein großes Misstrauen gegenüber ökonomischen und betriebswirtschaftlichen Begriffen, zu denen auch der Qualitätsbegriff gehört. Gottesdienste etwa unter dem Gesichtspunkt einer Dienstleistung oder Kirchgänger als Kunden zu betrachten ist ein No-Go in der Kirche. Dies liegt an der theologischen Grundüberzeugung, dass das Ziel des Gottesdienstes von Menschen letztlich nicht herstellbar, also managebar ist. Geholfen hat uns da die Rückbesinnung auf den Qualitätsbegriff in seiner Ursprungsbedeutung von Wesensqualität, die im Fall des Gottesdienstes nur theologisch zu bestimmen ist. Von diesem Ausgangspunkt aus ließ sich dann auch das Qualitätsverständnis des QM als Erfüllungsgrad von Anforderungen einführen und findet zunehmende Akzeptanz.

Für wen betreiben Sie dort Qualität und mit welchen Kriterien definieren Sie dort Ihre Qualität?

Fendler: Unsere Zielgruppe sind Menschen, die für Gottesdienste Verantwortung tragen. Außer Pfarrerinnen und Pfarrern sind das zum Beispiel auch Kirchenmusiker, Lektoren und Kirchenvorstände. Qualität im Gottesdienst ist unter anderem abhängig von theologischen Grundentscheidungen, lokalen Traditionen und Ressourcen und daher natürlich keine objektive Größe. So stellen wir vor allem Zugänge bereit, die den Verantwortlichen helfen, selbst ihr Qualitätsziel zu definieren und zu überprüfen. Ein Buch mit dem Titel „Qualität im Gottesdienst – was stimmen muss, was wesentlich ist, was begeistern kann“ wendet etwa das Kano-Modell der Kundenzufriedenheit – also Grund-, leistungs- und Begeisterungsfaktoren- auf den Gottesdienst an. Es hilft seinen Nutzern, zu klar nachvollziehbaren Kriterien von Gottesdienstqualität auf verschiedenen Ebenen zu finden. Auch die Qualitätsdimensionen nach Avedis Donabedian – Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität- sind für den Gottesdienst adaptiert worden. Vor allem aber hilft der Entwicklung von Gottesdienstqualität eine selbstverständliche Gesprächs- und Rückmeldekultur, die in der Kirche leider noch sehr unterentwickelt ist.

Wie sind Sie in diese Stellung gekommen?

Ich war selbst knapp 20 Jahre in verschiedenen Gemeinden als Gemeindepfarrer tätig und habe dabei die gottesdienstliche Arbeit immer als meinen Schwerpunkt angesehen. Für die Arbeit im Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst habe ich bei der Deutschen Gesellschaft für Qualität die Weiterbildung zum Qualitätsbeauftragten absolviert.

Würden Sie sich als ein typisches Beispiel eines Qualitäters bezeichnen?

Nein, denn unser Zugang zum Qualitätsthema ist eher ein kreativ-spielerischer. Instrumente und Denkmuster, die uns im Qualitätsmanagement begegnen, nehmen wir in großer Freiheit auf. Es geht also nicht um Zertifizierungsprozesse oder die Einführung von Dokumentationspflichten, sondern darum, die Arbeit am Gottesdienst bewusster und systematischer zu betreiben. Die ungewohnten Perspektiven, die wir inspiriert durchs QM entwickelt haben, haben schon manchen Pastoren zu einem heilsamen Perspektivwechsel und damit zu neuen Impulsen verholfen.

 

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