Wie ist die Pflege zu dem geworden, was sie ist?10 | 02 | 21

Um das Heute zu verstehen, ist es wichtig, einen Blick auf das Gestern zu werfen. Auch beim Thema Pflege haben der gesellschaftliche Kontext und der zugehörige Zeitgeist eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Branche gespielt. Die historische Rückschau mit soziologischem Blick hilft dabei zu verstehen, wie die Pflege zu dem geworden ist, was sie heute ist.

Die berufliche Ausbildung, die in ihrem Ursprung zunächst nur für gewerbliche/handwerkliche Bereiche da war, blickt auf eine lange Historie steter Weiterentwicklung zurück. Handelte es sich hierbei ursprünglich um eine erzieherische Lebensgemeinschaft, bei der das Kind, das ausgebildet wurde, in das Eigentum der Lehrherren überging, entwickelte es sich über die Jahre und Jahrhunderte immer weiter. 1897 wurde das duale Prinzip der Berufsausbildung – praktische Ausbildung im Betrieb, theoretischer Unterricht in der Berufsschule – erstmals festgeschrieben. Eine grundlegende Überarbeitung erfuhr diese Struktur in den 1970er Jahren und seitdem fortlaufend, je nachdem, was seitens der Wirtschaft gefordert wurde. Hervorzuheben ist hierbei, dass die Initiative zur Weiterentwicklung stets aus der jeweiligen Branche selbst kam und die Anpassungen entsprechend der aktuellen gesellschaftlichen und fachlichen Bedarfe erfolgte.

Die soziale Dienstleistung und das Lehren dieser hat da eher eine junge Geschichte. Die Geschichte der Altenpflege ist über viele Jahrhunderte mit der der Krankenpflege verknüpft. Mit dem Unterschied, dass Krankenpflege in Hospizen/Hospitälern stattgefunden hat und mit mehr oder weniger gut ausgebildeten Menschen gehandhabt wurde. Alte, demente und sterbende Menschen wurden über die Familie versorgt oder über wenige Siechenheime. Und das bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts!

Mit der Veränderung der gesellschaftlichen (Lebens-) Bedingungen wurde ein erhöhter Bedarf an Versorgung deutlich. Die Menschen in der Nachkriegszeit, mit Aufbau und Arbeit befasst, hatten immer weniger Möglichkeiten, eine Versorgung in der Familie sicherzustellen. Also nahm die Zahl der Einrichtungen zu, die unter der Leitung von Krankenpflegekräften geführt wurden. Für die Versorgung selbst waren Hilfskräfte mit geringen Kenntnissen zuständig. Die Ausbildungen dauerten wenige Wochen bis höchstens sechs Monate.

Erst in den 60er Jahren fing die Politik an, sich mit den Notwendigkeiten der Professionalisierung in der Altenpflege zu befassen. Mit einer 1,5 Jahre dauernden Ausbildung, noch auf privater Basis angeboten, begann in den 70er Jahren das Berufsbild der Altenpflege zu entstehen. Dieser sehr junge Ausbildungsberuf hat erst 2003 eine bundesweit einheitliche Regelung erfahren. Entgegen der Entwicklung bei den handwerklich/gewerblichen Berufen gibt es also keine lange Geschichte und gewachsene Tradition. Es hat kein gesellschaftlicher Reifeprozess stattgefunden. Das aus den Standesorganisationen im Handwerk übernommene Standesbewusstsein ist nicht oder nur gering vorhanden. Eine Entwicklung aus eigener Kraft fand noch nie gesamtgesellschaftlich statt. Und wenn, dann nur vereinzelt mit modellhaftem Charakter. Bisher wurden alle Entwicklungsschritte über die Politik eingeleitet. Jedes Mal, wenn Missstände sehr auffällig wurden, gab es eine neue verpflichtende Regel (Gesetz, Verordnung, u. a.) und Kontrollmechanismen. Die Pflege hat sich dabei als Branche sehr zurückgehalten, es meist nur entgegengenommen.

Wer jetzt wiederum nur Forderungen an die Politik stellt, ohne seine Hausaufgaben gemacht zu haben, macht das Falsche immer falscher. Zu den Hausaufgaben gehört eine werteorientierte Personalführung, Investition in Fortbildung zur persönlichen Entwicklung, Supervision und Coaching, und vor allem ein anderes Grundverständnis für ein Qualitätsmanagementsystem. (Die Altenpflege ist z.B. die einzige Branche, in der das „QM“ ausschließlich in den Kernprozessen vorkommt.)
Wenn man sich die Besetzung in den bestehenden Pflegekammern anschaut, kommen z. B. in Rheinland-Pfalz ca. 80% der dort sitzenden Menschen aus der Krankenpflege. Die Altenpflege hat es vorgezogen, sich zurückzuhalten oder gar zu verweigern. Dieses Instrument auch als Standesvertretung für sich zu nutzen, wurde nicht in Betracht gezogen.

Und ja, es gibt Ausnahmen! Verantwortliche in den Organisationen, die sich auf den Weg gemacht und den zur Verfügung stehenden Rahmen genutzt haben. Diese Führungskräfte haben strategisch gedacht und Maßnahmen im kontinuierlichen Verbesserungsprozess zur Unternehmensentwicklung eingeleitet. Doch leider bleiben es meist Ausnahmen.

Ein bisschen Licht am Ende des Tunnels gibt es aber schon. Wer sich bei Instagram umschaut, wird unter dem Stichwort „Pflege“ Accounts von „jungen Wilden“ entdecken. Es besteht also noch Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas von Innen, aus eigenem Antrieb heraus, ändert. Denn das ist, systemisch gesehen, der nachhaltige Weg.

Über die Autorin:

Almut Strathe ist seit knapp 20 Jahren freiberuflich als Personal- und Organisationsentwicklerin tätig. Als Trainerin, Beraterin, Businesscoach, Dozentin und Auditorin bestimmt die systemische Ausrichtung ihr Wirken. Für Bildungsträger am Arbeitsmarkt hat sie ein Praxisbuch zur AZAV geschrieben. Als Female-Speaker gibt sie Impulse zum Nachdenken.

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