Vorstandswechsel bei der FQS3 | 04 | 25

Vorstand, Besprechung, Ideensammlung

Prof. Dr. Kristina Lemmer und Prof. Dr. Irina Mazilu-Eyaz verstärken seit dem 1. Januar 2025 den Vorstand der FQS – Forschungsgemeinschaft Qualität e.V. Sie folgen auf Prof. Dr. Tilo Pfeifer und Klaus Schmieder, deren Amtszeiten nach langjährigem Engagement turnusgemäß am 31. Dezember 2024 endeten. Im Interview erläutern sie, was sie motiviert hat, dieses Amt zu übernehmen und was wie sich für die Arbeit im Vorstand vorgenommen haben.

Prof. Lemmer, Prof. Mazilu-Eyaz – Sie sind im September 2024 beide in den FQS-Vorstand gewählt worden. Was hat Sie motiviert, dieses Amt zu übernehmen?

Prof. Lemmer: Für mich war es die einzigartige Möglichkeit, an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis zu wirken und mitzugestalten. Die FQS hat eine lange Tradition in der Förderung von Qualität und Innovation. In einer Zeit, in der Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Arbeitswelten einen so starken Einfluss auf unser Verständnis von Qualität haben, sehe ich hier eine große Chance, diese Entwicklungen aktiv mitzugestalten.

Prof. Mazilu-Eyaz: Die Wahl in den Vorstand der FQS bietet die Möglichkeit aktiv die strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung der Organisation mitzugestalten. Ein weiterer Beweggrund ist die Chance zur persönlichen Weiterentwicklung. Die Tätigkeit bringt komplexe Herausforderungen mit sich, die neue Kompetenzen erfordern und wertvolle Lernerfahrungen ermöglichen. Darüber hinaus reizt mich die Zusammenarbeit mit anderen erfahrenen Führungspersönlichkeiten und Expert:innen.

Prof. Mazilu-Eyaz, das Thema Qualität begleitet Sie schon von Beginn an in Ihrem Berufsleben – unter anderem im Qualitätsmanagement auf Unternehmensseite sowie als Professorin für Qualitätsmanagement, Werkstoffkunde, Fertigungsmesstechnik und Circular Economy. Was hat Sie initial dazu bewegt sich auf das Thema Qualität zu fokussieren?

Prof. Mazilu-Eyaz: Schon während meines Studiums der Materialwissenschaft habe ich viel über Prüf- und Analysemethoden gelernt, die essentiell für die Bewertung von Werkstoffen und Werkstücken sind – also Grundlagen, die im Qualitätsmanagement unverzichtbar sind. Das Thema Qualität zog sich dann wie ein roter Faden durch meine beruflichen Stationen. Ich habe festgestellt, wie spannend und abwechslungsreich Qualitätsmanagement sein kann – insbesondere das Lösen komplexer Qualitätsprobleme, das sich oft wie Detektivarbeit anfühlt. Das hat mich schließlich auch in eine Methodenabteilung geführt, wo ich Problemlösungsteams geleitet habe. Heute, als Professorin, liegt mir viel daran diese Begeisterung weiterzugeben. Mein Anspruch ist es, Studierende von Anfang an für das Thema Qualitätsmanagement zu gewinnen, indem ich Theorie mit praxisnahen Beispielen verbinde.

Prof. Lemmer, Ihr Fachgebiet ist die Verwaltungsinformatik. Welche Berührungspunkte hatten Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn mit dem Thema Qualität?

Prof. Lemmer: Qualität spielt in meiner beruflichen und akademischen Laufbahn eine zentrale Rolle. Bereits im Studium habe ich mich intensiv mit dem Thema Datenqualität auseinandergesetzt und erlebt wie entscheidend es für betriebliche Prozesse und fundierte Entscheidungen ist. Seitdem ist Datenqualität ein integraler Bestandteil meiner Arbeit geblieben. Auch in der Verwaltungsinformatik ist Qualität ein Schlüsselthema. Sie ist hier nicht nur ein technischer Faktor, sondern essenziell für die Akzeptanz und das Vertrauen in digitale Systeme. Darüber hinaus bin ich im Normausschuss zum Thema Datenqualität (ISO/TS 8000-60) tätig, wo ich an der Entwicklung von Standards mitwirke. In meiner Forschung und Lehre verfolge ich weiterhin die Frage, wie (Daten-)Qualität durch moderne Technologien und Automatisierung gefördert und nachhaltig sichergestellt werden kann. Qualität ist dabei nicht statisch, sondern entwickelt sich mit den technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen weiter – und das fasziniert mich bis heute.

Die Digitalisierung und die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit stellen Unternehmen und Organisationen vor große Herausforderungen. Welche konkreten Fragestellungen begegnen Ihnen in Ihrem Tätigkeitsfeld in Zusammenhang mit Qualitätsmanagement und -sicherung?

Prof. Mazilu-Eyaz: Digitalisierung und Nachhaltigkeit spielen eine zentrale Rolle, um Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Nehmen wir als Beispiel die Kreislaufwirtschaft: Hier zeigt sich wie digitale Technologien Prozesse effizienter gestalten und Nachhaltigkeitsziele fördern können. Digitale Technologien ermöglichen beispielsweise die Transparenz von Lieferketten und die Optimierung von Ressourcenströmen. Die Umsetzung wird jedoch durch verschiedene Herausforderungen erschwert. Es fehlen oft qualifizierte Fachkräfte, knappe zeitliche und finanzielle Ressourcen behindern die Einführung nachhaltiger und digitaler Lösungen. Viele Unternehmen fühlen sich außerdem von außen durch Vorgaben oder Gesetze unter Druck gesetzt. Zusätzlich sorgt der sich ständig wandelnde rechtliche Rahmen für Unsicherheiten und erschwert eine langfristige Planung.

Prof. Lemmer: Im Kontext der Digitalisierung stehen wir vor der Herausforderung, wie wir Prozesse optimieren und gleichzeitig die Datenqualität sichern können. Dabei spielt auch die Frage eine Rolle, wie wir Mitarbeitende in diesen Wandel einbinden und ihre Kompetenzen fördern können. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherstellung der Interoperabilität zwischen Systemen, um digitale Prozesse nahtlos zu gestalten.

Wie kann die FQS Unternehmen dabei unterstützen mit den Herausforderungen umzugehen?

Prof. Lemmer: Die FQS kann durch praxisnahe Forschungsprojekte und den Transfer von Know-how einen wesentlichen Beitrag leisten. Dies umfasst die Entwicklung neuer Methoden sowie die Vorbereitung neuer Standards, den Aufbau von Netzwerken für den Wissensaustausch und die Förderung interdisziplinärer Ansätze. Durch Pilotprojekte können wir konkrete Lösungen entwickeln, die direkt in die Anwendung gehen.

Prof. Mazilu-Eyaz: Die intersektorale und interfunktionale Zusammenarbeit – sowohl zwischen Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen als auch entlang der Wertschöpfungskette wie beispielsweise zwischen Zulieferern und Kunden – ist von entscheidender Bedeutung. Kooperationen „über den eigenen Tellerrand“ hinaus, schaffen Synergien und fördern den Wissensaustausch. Die FQS kann Unternehmen dabei helfen Freiräume zu schaffen, um neue Ideen wissenschaftlich anzugehen. Das alles nimmt sonst viel Zeit in Anspruch und kommt im Tagesgeschäft oft zu kurz.

Aus der Perspektive Ihrer Berufspraxis: Wie gelingt guter Transfer zwischen Forschung und Praxis und wie trägt die Arbeit der FQS dazu bei?

Prof. Lemmer: Ein guter Transfer gelingt, wenn Forschung von Beginn an mit der Praxis verzahnt ist. Das bedeutet, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu publizieren, sondern die Fragestellungen gemeinsam mit Unternehmen zu entwickeln, Pilotprojekte durchzuführen und die Ergebnisse in Form von Workshops, Schulungen oder digitalen Tools weiterzugeben und in konkrete Lösungen zu übersetzen. Die FQS kann hier als Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft agieren. Die Entwicklung digitaler Plattformen und Netzwerke, wie ich sie auch für die FQS vorsehe, kann hier ein Gamechanger sein.

Prof. Mazilu-Eyaz: Erfolgreicher Transfer erfordert enge Zusammenarbeit und kontinuierlichen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Forschungsergebnisse sollten praxisnah und verständlich aufbereitet werden, um direkt anwendbare Lösungen zu entwickeln. Dabei spielen Workshops, Fallstudien und Pilotprojekte eine wichtige Rolle, um wissenschaftliche Erkenntnisse auf reale Herausforderungen zu übertragen. Die FQS unterstützt diesen Prozess, indem sie Netzwerke zwischen Forschung und Wirtschaft fördert und praxisorientierte Projekte unterstützt. So wird Innovation beschleunigt und Unternehmen erhalten Zugang zu neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Was haben Sie sich vorgenommen? Auf welche Aspekte möchten Sie in Ihrer Arbeit als Vorstandsmitglieder der FQS einen Fokus setzen?

Prof. Mazilu-Eyaz: Als Vorstandsmitglied der FQS möchte ich Offenheit, Transparenz und das Wagen neuer Wege in den Mittelpunkt meiner Arbeit stellen. Offenheit bedeutet für mich aktiv zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und einen ehrlichen Austausch zu fördern. Transparenz ist entscheidend, um Vertrauen und eine verlässliche Zusammenarbeit zu gewährleisten – sowohl innerhalb des Vorstands als auch gegenüber Mitgliedern und Partnern der FQS. Und es braucht den Willen, Neues zu wagen: innovative Ideen umzusetzen, Veränderungen anzustoßen und auch unkonventionelle Wege zu beschreiten.

Prof. Lemmer: Ein zentraler Fokus meiner Arbeit liegt auf der digitalen Transformation – nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Einstellung der Mitarbeitenden und Führungskräfte gegenüber diesem Wandel. Die digitale Transformation gelingt nur, wenn sie von den Menschen getragen wird. Hierfür braucht es ein tiefes Verständnis sowie eine positive Haltung gegenüber neuen Technologien und deren Potenzial. Es geht darum, ein Digital Transformation Mindset zu fördern, das den Wandel als Chance und nicht als Bedrohung begreift. Qualität ist eine Haltung, die in den Köpfen und Herzen von Menschen beginnt. Wenn wir es schaffen, diese Haltung mit den Möglichkeiten der digitalen Transformation zu verbinden, wird die FQS zu einem echten Treiber für nachhaltige Innovation und exzellente Forschung.

Welche Ziele haben Sie sich noch gesetzt?

Prof. Lemmer: Ein weiteres Ziel ist der Ausbau des Organisationsnetzwerkes im Rahmen der FQS. Ich möchte dazu beitragen, dass wir unsere Rolle als Plattform für den Austausch von Wissen und Best Practices stärken. Die Förderung von internationalen Kooperationen sehe ich dabei als wesentlichen Baustein. Gerade im Bereich der Digitalisierung und Nachhaltigkeit gibt es weltweit spannende Ansätze, von denen wir lernen und die wir mit unseren Erfahrungen bereichern können. Ich möchte die Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Anwendungen weiter ausbauen, indem wir gemeinsame Projekte, innovative Veranstaltungsformate und moderne digitale Plattformen vorantreiben.

Prof. Mazilu-Eyaz: Die FQS hat das Potenzial, als Katalysator für Innovationen im Qualitätsmanagement zu wirken – national als auch international. Wenn wir die richtigen Impulse setzen, können wir nicht nur die Wirtschaft stärken, sondern auch dazu beitragen die digitale Transformation und Nachhaltigkeit in der Praxis erfolgreich zu verankern.

Bei welchen Themen aus dem Kontext des Qualitätsmanagements sehen Sie zurzeit den größten Innovationsbedarf?

Prof. Mazilu-Eyaz: Ich denke, das Qualitätsmanagement steht vor der wichtigen Aufgabe, sich im Bereich des Mindsets weiterzuentwickeln. Der Mensch und die Umwelt – im weitesten Sinne die Nachhaltigkeit – sollten zukünftig im Zentrum jeglicher Innovation im Qualitätsmanagement stehen. Wir müssen uns bei jeder neu eingeführten Innovation kritisch hinterfragen, ob sie möglicherweise einen Rebound-Effekt auslöst – also ob sie am Ende nicht zu mehr Arbeit oder Komplexität führt, anstatt Prozesse wirklich zu erleichtern. Ein weiteres Schlüsselthema ist „Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft“. Qualitätsmanagement darf sich nicht mehr nur auf die Produktqualität beschränken, sondern muss auch Aspekte wie Umweltverträglichkeit und Ressourcenschonung sicherstellen. Diese ganzheitliche Betrachtung wird entscheidend sein, um Qualität neu zu denken und zukunftsfähig zu machen.

Prof. Lemmer: Der größte Innovationsbedarf liegt in der Verbindung von digitaler Transformation, Nachhaltigkeit und menschlicher Haltung. Im Bereich der Nachhaltigkeit bietet die Verknüpfung mit Qualität enormes Potenzial, um Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Dabei geht es nicht nur um ökologische, sondern auch um soziale Verantwortung. Wie schaffen wir es, nachhaltige Prinzipien wie die Circular Economy in Qualitätsmanagementsysteme zu integrieren und messbar zu machen? Hier sehe ich großen Bedarf für neue Ansätze und interdisziplinäre Forschung.

Was sind weitere Potenziale?

Prof. Mazilu-Eyaz: Aus der technologischen Perspektive sehe ich enormes Potenzial bei den großen Trends wie Künstlicher Intelligenz und Big Data. Diese Technologien können uns helfen riesige Datenmengen zu analysieren und fundierte Entscheidungen im Sinne der Qualitätssicherung zu treffen. Hier gilt es die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Technologien effizient, effektiv und verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Prof. Lemmer: Die digitale Transformation erfordert neue Ansätze im Qualitätsmanagement, insbesondere im Umgang mit großen Datenmengen. Die Sicherstellung von Datenqualität wird dabei zum zentralen Erfolgsfaktor, da Entscheidungen immer stärker datenbasiert getroffen werden. Hier brauchen wir Standards und Tools, die nicht nur Daten korrekt erfassen, sondern auch interpretieren und für die Praxis nutzbar machen können. Die digitale Transformation ist aber nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine kulturelle Herausforderung. Führungskräfte und Mitarbeitende benötigen ein Digital Transformation Mindset, das Offenheit, Lernbereitschaft und Innovationsfreude fördert. Es ist entscheidend, die Einstellung der Menschen gegenüber Veränderungen aktiv zu begleiten und zu stärken. Nur so kann Qualität langfristig in digitalen Prozessen verankert werden.

Die größte Herausforderung – und gleichzeitig die größte Chance – liegt jedoch darin, all diese Bereiche miteinander zu verbinden: Qualität entsteht dort, wo Technologie, Haltung und Verantwortung aufeinandertreffen. Und genau hier sehe ich die Zukunft des Qualitätsmanagements.

 

Über die Interviewgäste:

Prof. Dr. Kristina Lemmer, Hochschule Bremen

Prof. Dr. Kristina Lemmer ist Inhaberin der Professur für das Fachgebiet „Verwaltungswissenschaft, insbesondere Organisation, Verwaltungsinformatik und E-Government“ an der Hochschule Bremen. Sie ist Gastwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Leuphana Universität Lüneburg und dem Niedersächsischen Studieninstitut in Hannover. Ab 1. Januar 2025 verstärkt sie das Vorstandsteam der FQS – Forschungsgemeinschaft Qualität.

 

 

Prof. Dr.-Ing. Irina Mazilu-Eyaz, Hochschule Pforzheim Prof. Dr. Irina Mazilu-Eyaz lehrt und forscht an der Hochschule Pforzheim zu den Fachgebieten Qualitätsmanagement, Werkstoffkunde, Fertigungsmesstechnik und Circular Economy. Sie ist aktives Mitglied der DGQ und war im Leitungsteam des DGQ-Fachkreises Nachhaltigkeit engagiert. Seit 1. Januar 2025 ist sie Vorstandsmitglied der FQS – Forschungsgemeinschaft Qualität.

 

 

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Die Forschungsgemeinschaft Qualität e. V. unterstützt seit 1989 die anwendungsorientierte Forschung rund um das Thema Qualität in Deutschland. Hierzu fördert die FQS Forschungsprojekte über das Instrument der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und ist ordentliches Mitglied der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e. V. (AiF).

 

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Über den Autor: DGQ

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