ISO-GPS denken, PARTPMI anwenden3 | 02 | 26

Die ISO-GPS-Normen schaffen eine eindeutige inhaltliche Grundlage für geometrische Anforderungen. Doch erst PARTPMI hinterlegt erforderliche Informationen maschinenlesbar im 3D-Modell und ermöglicht die gezielte Realisierung modellbasierter Ansätze wie MBD (Model Based Definition) und MBE (Model Based Enterprise) im Qualitätskontext.
Die Digitalisierung industrieller Prozesse ist weit fortgeschritten. 3D-CAD-Modelle sind etabliert, Daten werden systemübergreifend genutzt, Prozesse zunehmend automatisiert. Und doch zeigt sich im Qualitätsmanagement ein strukturelles Defizit: Die Produktdefinition bleibt häufig fragmentiert. Zeichnungen, Prüfpläne und Messprogramme beruhen nicht selten auf unterschiedlichen Informationsständen mit bekannten Folgen wie Interpretationsspielräumen, Rückfragen und Nacharbeit.
Die ISO-GPS-Normen schaffen eine eindeutige inhaltliche Grundlage für geometrische Anforderungen. In der klassischen 2D-Zeichnung sollen diese Regeln angewendet werden, in der Praxis werden sie jedoch nicht durchgängig umgesetzt. Häufig finden sich daher zeichnungsbasierte Produktdefinitionen, die historisch gewachsen sind, implizite Annahmen enthalten oder normativ nicht vollständig sauber formuliert sind. Solange Menschen diese Zeichnungen lesen und interpretieren, bleibt dieses Vorgehen handhabbar, wenn auch fehleranfällig.
Sobald Produktinformationen jedoch digital weiterverarbeitet und automatisiert genutzt werden sollen, stößt dieses Prinzip an seine Grenzen.
Entscheidend ist daher, wie normative Inhalte digital abgebildet und weiterverwendet werden. PMI (Product and Manufacturing Information) beschreibt den Umfang der produkt- und fertigungsrelevanten Informationen. PARTPMI geht einen Schritt weiter und legt fest, wie diese Informationen eindeutig, bauteilbezogen und maschinenlesbar im 3D-Modell hinterlegt sind. Erst auf dieser Basis lassen sich modellbasierte Ansätze wie MBD (Model Based Definition) und MBE (Model Based Enterprise) im Qualitätskontext wirksam umsetzen.
Voraussetzung dafür ist jedoch ein konsequent angewandtes, fundiertes ISO-GPS-Verständnis.
Vom Zeichnungssatz zum digitalen Produktmodell
Über Jahrzehnte war die technische 2D-Zeichnung das führende Medium der Produktdefinition. Sie ist normiert und bewährt, bleibt jedoch in ihrer Nutzung grundsätzlich interpretativ. Maße, Toleranzen und Anforderungen müssen gelesen, verstanden und manuell in nachgelagerte Systeme übertragen werden. Gerade im Qualitätswesen führt dies zu Unterbrechungen in der Informationskette und erhöhtem Abstimmungsaufwand.
Mit der Model Based Definition wird dieses Prinzip grundlegend weiterentwickelt. Das 3D-Modell wird zur führenden Quelle der Produktdefinition und enthält neben der Geometrie auch alle qualitätsrelevanten Informationen wie Maße, geometrische Toleranzen, Oberflächenangaben, Kantenzustände und Bezüge. Das Modell wird damit zur „Single Source of Truth“.
Allein die grafische Darstellung dieser Informationen reicht jedoch nicht aus, um durchgängige digitale Prozesse zu ermöglichen.
PARTPMI, wenn Produktinformationen wirklich digital werden
Hier setzt PARTPMI an. Im Unterschied zu rein grafischen PMI sind PARTPMI strukturiert, in definierter Syntax maschinenlesbar im 3D-Modell hinterlegt. Toleranzen, Bezüge und Merkmale sind nicht nur sichtbar, sondern eindeutig definiert und direkt mit der Geometrie verknüpft.
Für das Qualitätsmanagement ist dieser Unterschied zentral. Erst semantische PMI ermöglichen die automatisierte Übernahme von Merkmalen in Prüfpläne, CAQ-Systeme und Messsoftware. Durch die eindeutige Festlegung nach ISO-GPS werden Interpretationsspielräume weitgehend ausgeschlossen und Übertragungsfehler vermieden. Das 3D-Modell wird damit zur belastbaren Grundlage qualitätsrelevanter Entscheidungen.
MBE – das Zielbild einer durchgängigen Organisation
Model Based Enterprise beschreibt die konsequente Nutzung des digitalen Produktmodells über alle Unternehmensbereiche hinweg. Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, Fertigung und Qualitätssicherung greifen auf dieselbe Datenbasis zu. Änderungen werden transparent und Rückkopplungen systematisch möglich.
PARTPMI bildet in diesem Kontext das verbindende Element. Ohne semantisch eindeutige Produktinfomationen bleibt MBE insbesondere für das Qualitätswesen unvollständig. Erst wenn Prüfmerkmale direkt aus dem Modell abgeleitet werden können, entsteht eine echte digitale Prozesskette, vom Entwurf über die Fertigung bis zur Prüfung und Auswertung.
Gerade vor dem Hintergrund steigender Variantenvielfalt und kürzerer Entwicklungszyklen wird deutlich: Qualitätssicherung muss schneller, sicherer und stärker integriert arbeiten. PARTPMI unterstützt genau diesen Anspruch.
Konkreter Nutzen für das Qualitätsmanagement
Für Qualitätsfachleute bietet PARTPMI einen unmittelbaren praktischen Mehrwert. Der Interpretationsaufwand bei der Prüfplanung sinkt deutlich, da Prüfmerkmale konsistent und eindeutig aus dem 3D-Modell abgeleitet werden können. Manuelle Zwischenschritte entfallen, Medienbrüche werden reduziert.
Hinzu kommt die automatisierte Übernahme von Merkmalen in CAQ- und Messsysteme. Die Rückverfolgbarkeit von Anforderungen und Messergebnissen verbessert sich erheblich, da Merkmale eindeutig definiert und systematisch verknüpft sind. Auf dieser Basis lassen sich zudem Closed-Loop-Quality-Ansätze realisieren: Prüfergebnisse können strukturiert ausgewertet und gezielt an die Konstruktion zurückgespielt werden. Qualität wird damit nicht nur geprüft, sondern aktiv in den Entwicklungsprozess integriert.
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ISO GPS-Normung als inhaltliche Basis
Die inhaltliche Grundlage für PARTPMI bilden die etablierten Normen der geometrischen Produktspezifikation. Sie stellen sicher, dass Toleranzen, Bezüge und Anforderungen eindeutig definiert sind, unabhängig vom eingesetzten System. PARTPMI fungiert dabei als technischer Träger dieser normativen Inhalte im digitalen Modell. Normung wird damit nicht umgangen, sondern konsequent digital nutzbar gemacht.
Fazit
MBD ist der notwendige Einstieg in die modellbasierte Produktdefinition. MBE ist das langfristige Ziel einer durchgängigen, digitalen Organisation. PARTPMI ist der Schlüssel, der beide Welten verbindet, insbesondere aus Sicht des Qualitätsmanagements.
Wer Qualität künftig digital, reproduzierbar und normkonform sichern will, kommt an semantischen Produktinformationen nicht vorbei. PARTPMI ist damit kein CAD-Detail, sondern ein zentraler Baustein moderner Qualitätsprozesse.
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