Leitfaden für die Pflegebranche: Durch Qualität vom Wandbild zum gelebten Leitbild7 | 10 | 26

Leitfaden Pflegebranche, Workshop

Nach der Bundestagswahl 2025 beschäftigten sich die Teilnehmer:innen des DGQ-Pflege-Online-Treffpunkts mit den Themen, die sich aus dem Koalitionsvertrag für die Pflege ergeben. Bei der gemeinsamen Verdichtung entstand ein Cluster mit dem Titel „Kommunikation, Menschenbild, Kultur der Pflege“. Dahinter stand eine grundlegende Frage: Wie kann Pflege menschenorientierter gestaltet werden – und was wird dafür neben gesetzlichen Vorgaben, Standards und Prozessen gebraucht?

Nach der Beobachtung der Teilnehmer:innen und der einschlägigen Datenlage haben gängige Leitbilder in Pflegeeinrichtungen häufig das Problem, dass sie den Spagat zwischen normativen Aspekten, Werteorientierung und gelebter Praxis nicht hinbekommen. Daraus ergibt sich eine Abweichung zwischen Pflege-Alltag und dem Soll, ein Dilemma. Der DGQ-Fachkreis „Qualität in der Pflege“ griff das Problem auf, um als Lösung einen praxisnahen Leitfaden für die Entwicklung eines Leitbildes in der Pflegebranche zu entwickeln.

Vom Wandbild zum alltagstauglichen Leitbild

Ein Leitbild gehört in Pflegeeinrichtungen zu den Grundlagendokumenten. Doch allein seine Existenz macht es noch nicht wirksam. Allzu leicht bleibt es ein Text, der an der Wand hängt oder im Qualitätsmanagement-Handbuch steht und nur bei Audits zur Hand genommen wird. Entscheidend für die Integration in der Praxis ist, ob Pflegende und Führungskräfte darin eine Orientierung für ihr tägliches Handeln erkennen. Das setzt voraus, dass die Verbindung von Haltung, Vision und Wertemaßstäben gelingt und Teil einer wirksamen Qualitätskultur im Unternehmen ist, was organisationssoziologisch nachgewiesen ist (zit.n. Diehl & Cosmar, 2023).

Im Mittelpunkt stehen dabei die Menschen, die Pflege empfangen und ihre An- und Zugehörigen genauso wie solche, die beruflich pflegen. Ein positives Menschenbild, eine wertschätzende Kommunikations- und Führungskultur sowie die Frage, wie Qualität tatsächlich erlebt und wirksam wird, gehören für den Fachkreis untrennbar zusammen.

13 Schritte zu einem gelebten Leitbild

Um das Ziel zu erreichen, beschreibt der Leitfaden 13 aufeinander aufbauende Schritte. Ausgangspunkt ist die ehrliche Auseinandersetzung mit der bestehenden Organisationskultur: Was prägt unser Handeln heute? Welche Werte sind tatsächlich erkennbar? Welche Haltung soll die Organisation künftig auszeichnen?

Anschließend werden ethische Rahmenbedingungen der Organisation, gesetzliche Anforderungen und aktuelle Qualitäts- und Managementstandards einbezogen. Werte, Vision und Mission der jeweiligen Einrichtung sollen dabei nicht isoliert betrachtet, sondern mit der Unternehmensstrategie und dem Praxisgeschehen verknüpft werden.

Die Schritte beziehen als Kommunikationsaspekt ein, welche Wirkung und welche Emotionen das Leitbild auslösen soll. Außerdem ist es als kontinuierlicher Verbesserungsprozess konzipiert und soll auf diese Weise zur gelebten Richtschnur werden.

Damit soll das Leitbild den „Wandschmuck“-Charakter verlieren hin zu einem Instrument, das Entscheidungen erleichtert, Pflegenden und Pflege-Empfangenden Orientierung gibt und die Qualität der Pflege fördert.

Qualitätsperspektiven integrieren

Der Leitfaden spiegelt die Erfahrungen und Perspektiven der Mitglieder des Fachkreises. Die reichen von beruflich und informell Pflegenden über Schnittstellenvertreter:innen aus Medizin und Sozialpädagogik bis zu Patienten-Vertretenden und schließen verschiedene Funktionen ein wie zum Beispiel QMB, Beratung, Qualitätssicherung.

Das gemeinsame Selbstverständnis des Fachkreises bildet dabei eine wichtige Basis. Qualität wird demnach nicht allein über Prozesse und Kennzahlen definiert. Sie entsteht auch durch Haltung, Zusammenarbeit und die Einbeziehung unterschiedlicher Qualitätsperspektiven, eben der integrierten Sicht der Qualität.

Der Leitfaden setzt dieses Selbstverständnis um. Er verbindet die unterschiedlichen Perspektiven in der Pflegepraxis mit den Anforderungen des Qualitätsmanagements und schafft damit eine Brücke zwischen strategischem Anspruch und praktischem Handeln sowie den Bedürfnissen der Stakeholder.

Einbindung aktueller Standards

Der Leitfaden berücksichtigt unter anderem die Weiterentwicklung der ISO 9001 und die neue ISO 7101, die Anforderungen an Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen beschreibt.

Damit greift er die aktuelle Normungs-Agenda auf, die Organisationskultur, Führung und ethischen Aspekten einen höheren Stellenwert beimisst. Gleichzeitig bleibt der Leitfaden praxisnah. Reflexionsfragen, Entscheidungshilfen und konkrete Empfehlungen sollen Pflege-Einrichtungen unterschiedlicher Größe dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu einem tragfähigen und wirksamen Leitbild zu entwickeln.

Aus der Pflege für die Pflege

Der DGQ-Leitfaden für die Leitbildentwicklung bietet Pflegeeinrichtungen ein praxistaugliches Instrument für unterschiedliche Phasen der Organisationsentwicklung. Er führt Anforderungen an Haltung, Menschenbild und gute Kommunikation mit essenziellen Themen wie Strategie, Ethik, Qualität und den konkreten Bedarfen im Pflegealltag zusammen. Ob ein bestehendes Leitbild auf den Prüfstand gestellt und weiterentwickelt oder ein neues Leitbild erarbeitet werden soll – der Leitfaden unterstützt dabei, Orientierung zu schaffen und das Leitbild im Alltag wirksam werden zu lassen.

Leitfaden für ein Leitbild in der Pflegebranche

Der „Leitfaden für ein Leitbild in der Pflegebranche“ des DGQ-Fachkreises „Qualität in der Pflege“ zeigt Führungskräften und Manager:innen in Pflegeeinrichtungen, wie sie ein tragfähiges Leitbild entwickeln können. Schritt für Schritt führt die Publikation von der Analyse der heutigen Realität über die Klärung von Werten, Mission und Vision bis zur Verankerung des Leitbildes im Arbeitsalltag. DGQ-Mitglieder finden den Leitfaden in der DGQplus-Mediathek »

Über den Autor: Holger Dudel

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Holger Dudel ist Fachreferent Pflege der DGQ. Er ist gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegepädagoge und Pflegewissenschaftler. Er hat zuvor Leitungsfunktionen bei privaten, kommunalen und freigemeinnützigen Trägern der Langzeitpflege auf Bundesebene innegehabt. Qualität im Sozialwesen bedeutet für ihn, dass neben objektiver Evidenz auch das „Subjektive“, Haltung und Beziehung ihren Platz haben.