Der blinde Fleck im Prozessaudit: Wenn ein Prozess perfekt funktioniert – aber die Rahmenbedingungen sich verändern31 | 08 | 26

Prozessaudit, Lupe

Ein Prozess ist etabliert. Abläufe sind definiert. Verantwortlichkeiten sind geregelt. Kennzahlen werden überwacht. Interne Audits bestätigen: Die Anforderungen werden erfüllt. Für viele Organisationen ist dies ein Zeichen von Stabilität und Sicherheit. Doch genau hier kann ein blinder Fleck entstehen: Ein Prozess kann heute perfekt funktionieren und trotzdem morgen nicht mehr die richtige Lösung sein.

Die entscheidende Frage eines modernen Prozessaudits lautet deshalb nicht nur „Beherrschen wir diesen Prozess?“, sondern auch „Ist dieser Prozess weiterhin geeignet, die Ziele der Organisation zu unterstützen?

Prozesse werden optimiert – aber selten neu hinterfragt

Organisationen verbessern ihre Prozesse kontinuierlich. Sie reduzieren Fehler. Sie verkürzen Durchlaufzeiten. Sie standardisieren Abläufe. Sie schaffen Transparenz. Diese Verbesserungen sind notwendig. Doch Optimierung setzt voraus, dass der grundsätzliche Weg weiterhin der richtige ist.

Genau darin liegt eine häufig unterschätzte Herausforderung: Wir können einen Prozess immer besser machen – und trotzdem am eigentlichen Bedarf vorbei arbeiten.

Denn Prozesse entstehen immer aus einem bestimmten Kontext:

  • Anforderungen von Kunden,
  • technologische Möglichkeiten,
  • gesetzliche Rahmenbedingungen,
  • organisatorische Strukturen,
  • strategische Ziele.

Verändert sich dieser Kontext, muss die Organisation auch den Prozess neu betrachten. Ein Beispiel: Ein erfolgreicher Prozess wird zum Engpass. Ein Unternehmen verfügt über einen etablierten Entwicklungsfreigabeprozess. Er ist klar geregelt:

  • Verantwortlichkeiten sind definiert.
  • Prüfungen sind festgelegt.
  • Dokumentationen sind vollständig.
  • Freigaben erfolgen zuverlässig.

Das Audit bestätigt: Der Prozess wird eingehalten. Doch inzwischen hat sich das Umfeld verändert. Kunden erwarten schnellere Reaktionen. Produkte entwickeln sich schneller. Wettbewerber verkürzen ihre Entwicklungszeiten. Der Prozess verhindert keine Fehler. Er erfüllt weiterhin seine Anforderungen. Aber er bremst die Organisation möglicherweise dabei, neue Chancen zu nutzen.

Das Ergebnis: Der Prozess ist beherrscht. Doch ist er noch angemessen?

Die neue Perspektive im Prozessaudit

Ein klassisches Prozessaudit betrachtet wichtige Fragen:

  • Sind Anforderungen umgesetzt?
  • Sind Abläufe definiert?
  • Werden Vorgaben eingehalten?
  • Sind Ergebnisse nachvollziehbar?

Diese Fragen bleiben notwendig. Doch ein zukunftsorientiertes Audit ergänzt eine weitere Dimension: Wie robust ist ein Prozess gegenüber Veränderungen?

Dazu gehören Fragen wie:

  • Welche Annahmen stehen hinter diesem Prozess?
  • Haben sich diese Annahmen verändert?
  • Welche externen Entwicklungen könnten Einfluss nehmen?
  • Woran erkennt die Organisation, dass der Prozess weiterhin den gewünschten Nutzen erzeugt?
  • Welche Signale würden zeigen, dass eine Anpassung notwendig wird?

Der Unterschied zwischen Prozessleistung und Prozessnutzen

Organisationen messen Prozesse häufig über Kennzahlen:

  • Fehlerquoten,
  • Kosten,
  • Bearbeitungszeiten,
  • Termintreue.

Diese Informationen sind wertvoll. Sie zeigen, wie ein Prozess arbeitet. Aber sie beantworten nicht automatisch die entscheidende Frage: Erzeugt dieser Prozess weiterhin den richtigen Beitrag für die Organisation?

Ein Prozess kann effizient sein und trotzdem nicht mehr strategisch passend. Ein Prozess kann stabil sein und trotzdem zukünftige Anforderungen nicht erfüllen. Ein Prozess kann alle Vorgaben erfüllen und trotzdem Veränderung benötigen.

Woran erkennt ein Auditor, dass ein Prozess seine Grenzen erreicht?

Ein Prozess ist nicht automatisch zukunftsfähig, nur weil er heute funktioniert. Es gibt typische Hinweise:

  1. Der Prozess funktioniert – aber nur durch Erfahrungswissen einzelner Personen

Ein Prozess erreicht zuverlässig seine Ergebnisse. Im Audit zeigt sich jedoch: Bestimmte kritische Entscheidungen beruhen auf Wissen einzelner Mitarbeitender. Die Dokumentation beschreibt den Ablauf. Aber nicht alle wesentlichen Zusammenhänge sind im Prozess verankert.

Eine mögliche Auditfrage lautet: „Wie stellen Sie sicher, dass der Prozess auch bei Veränderungen im Personal oder bei fehlendem Erfahrungswissen wirksam bleibt?

  1. Der Prozess wird durch immer mehr Ausnahmen am Leben gehalten

Ein Prozess wurde über Jahre erweitert. Neue Anforderungen wurden ergänzt. Heute gibt es zahlreiche Sonderregelungen und individuelle Lösungen. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass der Prozess an die Realität angepasst wird – aber möglicherweise nicht mehr grundsätzlich überprüft.

Eine mögliche Auditfrage lautet: „Welche Abweichungen vom vorgesehenen Prozess treten regelmäßig auf und welche Erkenntnisse werden daraus gewonnen?

  1. Die Kennzahlen zeigen Stabilität – aber nicht unbedingt Angemessenheit

Ein Prozess erreicht seine bisherigen Ziele. Fehlerquoten sind niedrig. Termine werden eingehalten. Doch das Umfeld verändert sich: Neue Anforderungen entstehen, neue Risiken werden relevant.

Eine mögliche Auditfrage lautet: „Bewerten die aktuellen Kennzahlen weiterhin die Faktoren, die für die Organisation heute entscheidend sind?

Die Rolle des Audits: Veränderungen sichtbar machen

Ein Audit ersetzt keine strategische Entscheidung. Die Aufgabe des Auditors ist nicht, die Zukunft vorherzusagen. Die Aufgabe ist, durch geeignete Fragen Transparenz zu schaffen.

Ein professionelles Prozessaudit macht sichtbar:

  • ob Mitarbeitende Prozesse verstehen,
  • ob Mitarbeitende Veränderungen erkennen,
  • ob Mitarbeitende Risiken bewerten,
  • ob Anpassungen systematisch erfolgen.

Damit entsteht ein Mehrwert über die reine Konformitätsbewertung hinaus.

Drei Fragen, die jedes Prozessaudit erweitern können

  1. Welchen Zweck erfüllt dieser Prozess heute?

Nicht nur: „Welche Anforderungen erfüllt er?“ Sondern auch: „Welches Ergebnis soll er für die Organisation ermöglichen?“

  1. Welche Veränderungen könnten diesen Prozess beeinflussen?

Nicht jede Veränderung macht einen Prozess unwirksam. Aber jede relevante Veränderung sollte bewertet werden.

  1. Woran erkennt die Organisation, dass der Prozess weiterhin geeignet ist?

Ein Prozess ist nicht erfolgreich, weil er unverändert bleibt. Er ist erfolgreich, wenn er seinen Zweck weiterhin erfüllt.

Fazit: Gute Prozesse bleiben nicht unverändert – sie bleiben angemessen

Die Qualität eines Prozessaudits zeigt sich nicht nur darin, ob ein Prozess heute funktioniert. Sie zeigt sich auch darin, ob eine Organisation erkennt, wann sich Anforderungen verändern und eine Anpassung notwendig wird. Denn die größte Gefahr liegt nicht immer in schlecht funktionierenden Prozessen. Manchmal liegt sie in Prozessen, die lange erfolgreich waren und deshalb nicht hinterfragt werden.

Ein modernes Audit fragt deshalb nicht nur „Wird der Prozess beherrscht?“, sondern auch „Erkennt die Organisation rechtzeitig, wann dieser Prozess angepasst werden muss?

 

Weiterbildungsangebote rund um das Thema Audit

Auf Basis von DIN EN ISO 19011 erlernen Sie online Prinzipien und Vorgehensweisen von Audits, die Sie als Auditor für interne (1st party) und für Lieferantenaudits (2nd party) benötigen. Sie eignen sich Vorgehensweisen und Techniken an, die Sie dabei unterstützen, Audits nach selbst gewählten Standards professionell durchzuführen und nachzubereiten. Konkrete Gruppenarbeiten bereiten Sie schon während des E-Trainings auf die Umsetzung in Ihrer Organisation vor. Jetzt anmelden »

Für die fachspezifische Weiterbildung zum Qualitätsauditor eignen Sie sich im Lehrgang Auditor Qualität – 1st, 2nd, 3rd Party Audits nach ISO 19011 Methoden für die Durchführung von internen Audits und Lieferantenaudits an. Sie erlernen zudem Techniken, um Ihre Auditpartner zu aktivieren, zu motivieren und ihre Leistung wertzuschätzen. Jetzt anmelden »

Im Seminar IMS-Audit: Ein Integriertes Managementsystem auditieren erfahren Sie, wie Sie ein Integriertes Managementsystem effektiv und praxisnah auditieren. Lernen Sie, Audits für verschiedene Managementsystemnormen (z. B. ISO 9001, ISO 14001, ISO 50001, ISO 45001 und ISO 27001) gezielt zu planen, durchzuführen und auszuwerten. Jetzt anmelden »

Über die Autorin: Marita Großer

Marita Großer
Marita Großer ist Mitglied mehrerer DGQ-Fachkreise – unter anderem im Fachkreis „Audit & Assessment“ und dort seit September 2022 Leitungsteammitglied. Sie studierte Informatik an der Ingenieurschule für Elektronik und Informatik in Görlitz. Nach 9 Jahren als IFS Logistics–Beauftragte wechselte sie in den Bereich Lebensmittelherstellung. Aktuell bekleidet sie die Position des Teamlead Quality Management und Lead Auditor bei der Döhler Dahlenburg GmbH.