Steigende Anforderungen, ein Managementsystem: Das Potenzial von IMS konsequenter nutzen3 | 11 | 26

Klimaschutz, Informationssicherheit, Lieferkettensorgfaltspflichten, ESG- und Nachhaltigkeitsdaten: Unternehmen müssen immer mehr Anforderungen aus Normen, Gesetzen und von interessierten Parteien berücksichtigen. Oft betreffen sie dieselben Prozesse. Eigene Regelungen und Nachweise für jedes neue Thema erhöhen den Abstimmungsaufwand und schaffen Doppelarbeit. Integrierte Managementsysteme (IMS) bieten seit Langem die Möglichkeit, solche Anforderungen zusammenzuführen. Angesichts der zunehmenden Vielfalt an Anforderungen gilt es, dieses Potenzial noch konsequenter zu nutzen.
Neue Anforderungen auf bewährter Grundlage integrieren
IMS beschränken sich nicht auf eine gemeinsame Dokumentation: Prozesse, Verantwortlichkeiten, Ziele und Maßnahmen werden systemübergreifend abgestimmt, ohne fachliche Besonderheiten aufzugeben. Für ISO-Managementsystemnormen bietet die Harmonized Structure ein gemeinsames Gerüst, etwa im Hinblick auf die Kontextanalyse, Risiken und Chancen, Ziele, Audits und Verbesserungen. Auf dieser Grundlage lassen sich auch gesetzliche, kundenseitige und weitere Anforderungen in bestehende betriebliche Abläufe einbinden.
Ein Beispiel ist das Lieferantenmanagement: Anforderungen an Produktqualität, CO₂-Daten, menschenrechtliche Sorgfalt und Informationssicherheit betreffen denselben Beschaffungsprozess. Ein IMS hilft, diese unterschiedlichen Perspektiven in der Lieferantenbewertung und bei Verbesserungsmaßnahmen zusammenzuführen, statt mehrere, womöglich widersprüchliche Einzelverfahren aufzubauen. Die fachliche Verantwortung bleibt dabei erhalten.
DACH-Studie zeigt, wohin sich Managementsysteme entwickeln
Das Team Integrierte Managementsysteme (TIMS) der Hochschule Zittau/Görlitz untersuchte von 2023 bis 2025 erstmals umfassend die IMS-Praxis in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unterstützt wurde es dabei von der Schweizerischen Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme (SQS), Quality Austria und TÜV Rheinland. Grundlage bildeten eine Online-Befragung mit 209 Unternehmen sowie elf ergänzende Fokusgruppenworkshops.
Bereits bei der Befragung 2023 erwarteten die befragten Unternehmen, dass neben den klassischen Managementthemen künftig zahlreiche weitere Aufgaben relevant werden: Mit Ausnahme der Biodiversität schätzte mehr als die Hälfte der Befragten alle abgefragten Zukunftsthemen als relevant ein (vgl. Abbildung 1). Besonders häufig genannt wurden systematisches Risikomanagement, Klimaneutralität, gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese Einschätzungen spiegeln den damaligen Stand wider und sind keine Rangliste heutiger Prioritäten.

Abb. 1: Zukunftsthemen für Managementsysteme (©Hochschule Zittau/Görlitz)
Qualität, Umwelt, Energie und Arbeitsschutz (HSE-Q) waren in der Stichprobe weiterhin die am häufigsten geführten, zertifizierten und integrierten Managementsysteme. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Das Integrationspotenzial reicht weit über diese klassischen Bereiche hinaus. Neue Themen betreffen häufig ebenfalls dieselben Informationen, Prozesse und Entscheidungen und sollten deshalb nicht unabhängig voneinander organisiert werden.
Integration bewährt sich in der Praxis
Die Ergebnisse der TIMS-DACH-Studie zeigen, dass die Integration von Managementsystemen in vielen der befragten Organisationen bereits gelebte Praxis ist: Rund 86 Prozent der 209 Organisationen betrieben zum Erhebungszeitpunkt ein IMS, führten es gerade ein oder planten die Einführung. Die Erfahrungen mit der Integration sind überwiegend positiv: Etwa zwei Drittel der Organisationen stuften ihr Integrationsprojekt als Erfolg oder vollen Erfolg ein. Nur eine Organisation sprach von einem totalen Misserfolg (vgl. Abbildung 2).

Abb. 2: Einschätzung zum Erfolg der Integrationsprojekte (©Hochschule Zittau/Görlitz)
Besonders aufschlussreich ist, wie stark sich die Motive für die Einführung eines IMS und die wahrgenommenen Verbesserungen über die befragten Unternehmen hinweg decken: Die Vereinheitlichung von Prozessen, Strukturen und Dokumentation, die fortlaufende Verbesserung, der bessere Umgang mit zunehmender Komplexität sowie die integrierte Auditierung gehörten nicht nur zu den wichtigsten Motiven, sondern wurden auch als wesentliche Verbesserungen wahrgenommen. Deutliche Verschlechterungen durch die Integration stellten die Befragten hingegen nicht fest.
Die Einschätzungen der rund 200 befragten Unternehmen deuten darauf hin, dass IMS aus Sicht der Befragten die Erwartungen weitgehend erfüllen. Weil es sich aber um keine repräsentative Zufallsstichprobe handelt, lassen sich daraus weder verallgemeinerbare Aussagen noch belastbare statistischer Zusammenhänge oder kausaler Wirkungen ableiten.
Integrationsfähigkeit als Schlüsselfaktor moderner Unternehmensführung
Je vielfältiger und umfangreicher die Anforderungen an Unternehmen werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, über einzelne HSE-Q-Themen und Managementsysteme hinauszudenken. Denn es geht nicht allein darum, neue Vorgaben zu erfüllen, sondern sie sinnvoll mit bestehenden Prozessen, Zielen und Entscheidungen zu verknüpfen. Dafür braucht es Menschen, die Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und gemeinsame Lösungen entwickeln. Integrationsfähigkeit wird damit zu einer immer wichtigeren Managementkompetenz.
Die DACH-Studie deutet darauf hin, dass IMS dafür ein bewährtes Fundament bieten. Ihr Potenzial noch konsequenter zu nutzen, bedeutet nicht, immer neue Managementstrukturen aufzubauen, sondern unterschiedliche Anforderungen besser aufeinander abzustimmen und damit die Unternehmenssteuerung insgesamt wirksamer zu gestalten.
| Sichern Sie sich die Studienergebnisse als kostenfreies Whitepaper Die Ergebnisse der Studie wurden als DIN-Whitepaper „Integrierte Managementsysteme in der Praxis“ veröffentlicht und stehen kostenfrei zur Verfügung. In einem Interview bei DIN Media berichtet das Autorenteam über die Entstehung der Studie, überraschende Ergebnisse und zentrale Erkenntnisse. Fach- und Führungskräfte für die Integration von Managementsystemen bildet die Hochschule Zittau/Görlitz im deutschlandweit einzigartigen Masterstudiengang „Integrierte Managementsysteme“ aus. |
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Über den Autor: Jana Brauweiler und Markus Will
Jana Brauweiler ist Professorin für Integrierte Managementsysteme an der Hochschule Zittau/Görlitz und leitet dort das Team Integrierte Managementsysteme (TIMS). Sie verantwortet die Ausbildung von Studierenden im deutschlandweit einmaligen Masterstudiengang „Integrierte Managementsysteme“ und ist Autorin verschiedener Praxisbücher zu Umwelt- und Arbeitsschutzmanagementsystemen sowie zur Auditierung von Managementsystemen. Als Beraterin und Trainerin begleitet sie Organisationen bei der Umsetzung von Managementsystemen im Unternehmensalltag und unterstützt die effektive Umsetzung von Umwelt-, Arbeitsschutz-, Energie- und Qualitätsmanagementsystemen sowie deren Integration. Zudem ist sie Mitglied im DIN-Arbeitsausschuss NA 175-00-04 AA „Grundlagen des Risikomanagements“ sowie im Beirat des DIN-Normenausschusses Organisationsprozesse (NAOrg).
Dipl.-Ing. (FH) Markus Will ist Mitarbeiter der Arbeitsgruppe TIMS an der Hochschule Zittau/Görlitz, Co-Geschäftsführer der INM – Institut für Nachhaltigkeitsmanagement GmbH und Partner bei Lohr, Will & Partner – Life Cycle Sustainability Experts. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Nachhaltigkeitsbewertung, Life Cycle Assessment (LCA), Risiko- und Nachhaltigkeitsmanagement sowie integrierte Managementsysteme. Er ist Mitglied und fachlicher Gremienleiter im DIN-Arbeitsausschuss Umweltmanagement/Umweltaudit (NA 172-00-02 AA).