Telefoninterview – QM in Handwerksbetrieben28 | 07 | 15

Hilft die EFQM Selbsteinschätzung kleinen Handwerksbetrieben?

In der letzten Woche ist der erste Teil eines Interviews erschienen, dass ein Masterstudent kürzlich mit mir geführt hat. Es ging um die Frage, ob das EFQM-Modell Business Excellence in Handwerksbetrieben vorantreiben kann. Heute erscheint der zweite Teil.

„Wenige werden sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, nur weil man ihnen zeigt, dass sie im Sumpf stecken.“

Wenn jetzt ein Handwerksunternehmen im Prinzip bereit wäre, sich mit dem Modell auseinanderzusetzen und seine Selbsteinschätzung durchführt, dann käme wahrscheinlich der Reifegrad „Committed to Excellence“ raus. Würden Sie sagen, dass sich das stark auf die Ergebnisse des Unternehmens auswirken kann? Also gibt es Potenzial, das Modell in einem Handwerksunternehmen umzusetzen?

Sommerhoff: Also, wenn jemand einen niedrigen Reifegrad hat, dann ist ja per se das Potenzial immer groß. Wenn die Selbstbewertung dieses Potenzial aufzeigt und man daraufhin dieses Potenzial adressiert und hebt, dann entsteht genau dieses Ergebnis.

Die Frage ist nur, braucht jemand, der eine unreife Organisation führt, dann nur ein Modell, um zu sagen: „Hey okay, ich habe bisher alles falsch verstanden. Ab jetzt mache ich es eben anders. Ich habe die Potenziale erkannt und jetzt werde ich exzellent“. So einfach geht das eben nicht aus sich selbst. Es werden wenige schaffen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, nur weil man ihnen zeigt, dass sie im Sumpf stecken.

„Dass er ein Problem hat, weiß er selber. Sein Problem ist ja, dass er nicht weiß, wie er sein Verhalten ändern kann. Und da hilft kein Modell.“

Aber dann ist das ja im Prinzip so eine Art Teufelskreis. Man kommt selber nicht dazu, sich damit zu befassen. Es ist relativ schwierig das anzugehen, und wenn man dann von Externen nicht die Hilfe bekommt…

Sommerhoff: Gut. Aber die Situation ist dort ja oft so: Das sind auch nur Menschen. Die sind vergleichsweise unstrukturiert. Die hüpfen von Angebot zu Angebot, von Baustelle zu Baustelle.

Da sie relativ unorganisiert sind, kommen die bei jeder Baustelle zu spät. Wir hatten auch einen Generalunternehmer, der zu jedem mit uns verabredeten Termin mindestens eine Stunde zu spät gekommen ist. Da konnte man sich drauf verlassen, dass man selber nicht mehr pünktlich sein musste. Das ist systemisch.

Nun hilft es doch nicht, wenn ich dem aufzeige: „Hey, du hast ein Problem mit der Pünktlichkeit, du bist schlecht organisiert.“ Das weiß der selber und was nützt es ihm, wenn das Modell ihm das auch noch mal aufzeigt. Sein Problem ist ja, dass er nicht weiß, wie er sein Verhalten ändern kann. Und da hilft kein Modell.

„Was man erst einmal braucht, ist eine Identifikation der Stärken und Verbesserungspotenziale.“

Wäre es für ein Handwerksunternehmen sinnvoll, sich am Anfang selber einzuschätzen und eine Selbstbewertung zu machen? Also mit RADAR oder Quickcheck von EFQM?

Sommerhoff: Also RADAR aus meiner Sicht schon mal gar nicht. Das ist viel zu kompliziert und da muss man auch erst einmal über mehrere Praxiseinsätze lernen, damit zu arbeiten. Ich rate auch größeren Organisationen davon ab, in den ersten Jahren eine RADAR Bewertung zu machen. In meinen Augen funktioniert die Selbstbewertung am Anfang in erster Linie über die Identifikation von Verbesserungspotenzialen.

Die Punktebewertung ist völlig peng. Also, die braucht für die ersten vier bis fünf Jahre kein Mensch. Manche wollen die haben, aber brauchen tun sie die aus meiner Sicht nicht.

Also man könnte vielleicht Teilbereiche nutzen, um die Stärken und Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Dafür muss man eine Unterteilung in Attribute vornehmen, nach dem Motto: Was heißt das? Was ist damit gemeint? Ist es mit der Strategie verzahnt? Das sind dann kluge Fragestellungen, um eine Organisation zu analysieren.

Was man erst einmal braucht, ist eine Identifikation der Stärken und Verbesserungspotenziale – und zwar grob gerastert und nicht fein ziseliert. Das sind die zwei bis drei wesentlichen Baustellen, die ich habe. Wenn ich da drangehe, mache ich einen Riesenschritt nach vorne.

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff analysiert für die DGQ Trends und richtet die Facharbeit des Vereins darauf aus. Als Leiter Innovation & Transformation arbeitet er mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft und Gesellschaft und besonders das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung beeinflussen und prägen werden. Im QLAB der DGQ, ihrem Design Thinking Labor, entstehen unter der Moderation des Teams Innovation neue Lösungen für die DGQ und für Organisationen. Sommerhoff hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert und ist seit 18 Jahren in unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen für die Deutsche Gesellschaft für Qualität tätig.

benedikt.sommerhoff@dgq.de 0 69 954 24-112

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