Telefoninterview – QM in Handwerksbetrieben21 | 07 | 15

Wie macht man QM in kleinen Handwerksbetrieben?

Ist das EFQM-Modell geeignet, um dort Business Excellence voranzutreiben? Wo liegen im Handwerk die größten Potenziale für Qualitätsverbesserung?

Das folgende Interview hat ein Masterstudent mit mir geführt, der zum Thema EFQM-Einsatz in Handwerksbetrieben arbeitet. Er hat eine Mitschrift des Interviews angefertigt und mir erlaubt, es im Blog zu verwenden. Darum hatte ich gebeten, weil ich dachte, dass einige der Fragen und Antworten zum EFQM Einsatz interessant für die Fachöffentlichkeit sein können. In einer Blogserie veröffentlichen wir nun Ausschnitte aus diesem Interview mit prägnanten und teilweise kontroversen Aussagen. Wir haben dafür den Text leicht überarbeitet, damit er besser lesbar ist. Allerdings haben wir, damit die Gesprächsatmosphäre auch beim geduckten Text ein wenig erhalten bleibt, nicht alles „schön“ gemacht. Ich rede also offensichtlich nicht so glatt und grammatikalisch korrekt, wie ich schreiben könnte.

„Handwerker nennen QM doch nie so!“

Wie kann ein Handwerksunternehmen seinen Reifegrad im Bereich der Business Excellence verbessern? Kann es ihn überhaupt beeinflussen? Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass im Handwerk in Richtung Business Excellence beziehungsweise überhaupt Qualitätsmanagement nicht sehr viel gemacht wird.

Sommerhoff: Wie heißt das denn? Stimmt das überhaupt als Aussage? Also, QM läuft im Handwerk nicht unter den typischen Überschriften, wie es in der Industrie läuft. Ich denke, der Handwerker würde weder groß über Business Excellence noch über Qualitätsmanagement sprechen. Es gibt aber Handwerksbetriebe, bei denen das Thema Qualität ganz hoch steht. Die nennen das nur nie so.

„Die Sprache des EFQM-Modells ist für das Handwerk nicht angemessen.“

Qualitätsdenken muss ja sowohl die Handwerksleistung, als auch die internen Prozesse unterstützen. Meine erste Frage ist nun: Das EFQM-Modell eignet sich ja grundsätzlich für alle Unternehmen. Wie schätzen Sie die Akzeptanz beziehungsweise die Umsetzung bei Handwerksbetrieben ein?

Sommerhoff: Gering, weil einfach die Sprache dort nicht angemessen ist und weil das Modell dort zunächst einmal als überdreht erlebt wird. Einzelne Handwerker haben ja damit gearbeitet und damit gezeigt, dass das geht. Aber das Modell ist für diese Klientel nicht ansprechend formuliert und ausgestaltet. Deswegen erreicht es Handwerker auch insgesamt so gut wie nicht. Man kann es zwar übertragen, aber diese Transferleistung ist sehr groß.

Die meisten Leiter von Handwerksbetrieben können diese Transferleistung einfach nicht erbringen. Ich meine das nicht intellektuell, sondern einfach auch vom Zeitaufwand her. Und das rohe Modell können sie bei sich kaum anwenden. Schon Führungskräfte größerer Unternehmen wissen ja erst mal nicht, wie sie da konkret rangehen sollen und suchen sich Beratungsunterstützung.

„Da kann die EFQM sagen, was sie will. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die meisten Handwerksbetriebe gar nicht mit dem Modell arbeiten.“

War das Modell nicht eigentlich den Anspruch, unabhängig jetzt von der Größe für alle Unternehmen geeignet zu sein?

Sommerhoff: Ja, ich sage mal so, die EFQM postuliert das und hat auch in der Theorie recht. Theoretisch funktioniert das. Praktisch funktioniert es aber nicht, weil, wie gesagt, diese Klientel diese Sprache nicht spricht. Sie wird von dem Modell überhaupt nicht angesprochen, zumindest nicht in der Breite. Einzelne sind eher die Ausnahmen. Das Modell ist auch in seiner Formulierung zu wenig für Mikroorganisationen spezifisch. Insofern kann die EFQM da sagen, was sie will. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die vielen Hunderttausend Handwerksbetriebe, die es gibt – und das ist ja die Vielzahl der Unternehmen, nicht die Großkonzerne – eben gar nicht damit arbeiten.

„Die sind zu mit Arbeit. Die arbeiten in und nicht an der Organisation.“

Denken Sie, da gibt es noch andere Gründe, die dagegen sprechen, außer der Sprache und dieser Hürde, das für kleine Betriebe ins Praktische umzusetzen?

Sommerhoff: Ja, ganz einfach: Die Chefs sind zu mit Arbeit. Die arbeiten in der Organisation, sind ihr wichtigstes Produktivmittel und arbeiten daher kaum an der Organisation. Das heißt, die haben kaum Zeit, sich mal zurückzulehnen und zu sagen: „Was mache ich hier eigentlich? Kann ich mich anders organisieren? Muss ich anders agieren? Habe ich das richtige Geschäftsmodell? Habe ich die richtige Klientel? Habe ich die richtigen Leute?“.

Das EFQM-Modell hilft, diese grundsätzlichen Fragen zu stellen. Aber die stellen die sich nicht, weil sie einfach zu sind mit Arbeit und weil sie selbst ihre beste Produktivkraft sind.

Ist da nicht so die Gefahr, dass man dann irgendwann merkt, okay, jetzt habe ich mich /vergaloppiert, dass ich nur im Operativen tätig war, und habe mir nie Gedanken gemacht, wie ich vielleicht in Zukunft agieren kann.

Sommerhoff: Klar ist das die Gefahr, dass man ständig Hühner fängt, weil man keine Zeit hat den Zaun zu flicken.

Das Interview wird fortgesetzt…..

Über den Autor:

Benedikt Sommerhoff analysiert für die DGQ Trends und richtet die Facharbeit des Vereins darauf aus. Als Leiter Innovation & Transformation arbeitet er mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft und Gesellschaft und besonders das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung beeinflussen und prägen werden. Im QLAB der DGQ, ihrem Design Thinking Labor, entstehen unter der Moderation des Teams Innovation neue Lösungen für die DGQ und für Organisationen. Sommerhoff hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert und ist seit 18 Jahren in unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen für die Deutsche Gesellschaft für Qualität tätig.

benedikt.sommerhoff@dgq.de 0 69 954 24-112

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