Gezielt aus der Hüfte geschossen?29 | 08 | 17

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Deutschland hat angeblich einen enormen Nachholbedarf, was die Entwicklung und den (vernetzten) Einsatz digitaler Technik anbelangt (gezählt gegenüber anderen Ländern). Woher wissen wir das eigentlich? Hat diese Einschätzung eventuell irgendein gewichtiger Protagonist der Szene einst, z. B. im Rahmen einer Cebit-Talkrunde, – unbedacht (oder gezielt?) – dahingesagt, wie ja manchmal etwas einfach nur so dahingesagt wird etc.? Wurde möglicherweise diese Einschätzung eines Einzelnen dann als Tatsache durch die Presse gescheucht und schließlich von Multiplikatoren einfach nur noch nachgebetet? So wie bei der Aussage, Deutschland sei der Zahlmeister der EU? Da hatte man schlicht die für Deutschland fällige Summe genommen und verglichen, anstatt den Betrag pro Kopf der Einwohner zu bemessen – erst dann wäre das Ergebnis im Vergleich mit anderen EU-Ländern einigermaßen aussagefähig!

Ob ein deutscher Digital-Gau droht, oder ob es sich doch nur um einen herbeigeredeten Rückstand auf, sagen wir, Portugal handelt – weiß ich nicht. Bestimmt haben wichtige Leute untersucht, wie es wirklich ist. Dann aber hoffentlich nicht so, wie im folgenden Beispiel.

Statistik aus dem Ärmel

Neulich in einer sicher auch Ihnen bekannten Fachzeitschrift: ein Bericht mit der Überschrift „Deutsche Unternehmen hinken bei Digitalisierung hinterher“. Die einzelnen Angaben wurden (kommentarlos) von der Quelle übernommen, die da „Arbeitsbarometer Q4/2016“ heißt, erstellt von einem bekannten Personaldienstleister, der – Achtung – auch Weiterbildungsdienstleister ist. Bebildert ist der ansonsten eher kurze Beitrag mit zwei Statistiken, die wohl die Aussage in der Überschrift untermauern sollen.

Das Unternehmen hat eigenen Angaben zufolge in 33 Ländern eine Online-Umfrage durchgeführt, u. a. zum Thema „digitale Unternehmensstrategie“.  Hier könnte man schon einmal fragen, was denn eine „digitale Strategie“ überhaupt sein soll? Ist beispielsweise die Strategie der Bundesbank, unsere Goldreserven nach Frankfurt am Main zu holen, eine „goldene Strategie“? Aber das ist heute nicht das Thema …

In Deutschland wurden – so die Meldung – 400 Arbeitnehmer im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt. Wer den Ergebnissen Glauben schenken mag, lernt dann also, dass Deutschland – was die Entwicklung digitaler Lösungen anbelangt – ganz schön schlecht dasteht, jedenfalls im Vergleich mit einigen ausgesuchten Ländern. Möglich, dass die Aussage an sich, warum auch immer, stimmt. Besagte Umfrage taugt jedoch nicht als Beleg dafür – warum?

Glaube nie einer Statistik, die…

Sie wissen schon, wie der legendäre Satz weitergeht. Dabei bin ich gar nicht dafür, statistische Methoden generell zu verteufeln – im Gegenteil! Jedenfalls dann, wenn keine unlautere Absicht hinter ihrer Anwendung steht. Bei einer Umfrage muss man aber auf jeden Fall erwarten können, dass wenigsten handwerkliche Fehler und Ungenauigkeiten bei der Erhebung und später bei der Auswertung und Deutung der Daten vermieden werden. Sonst sollte man lieber schweigen. Die wenigen Informationen zu den Basisdaten der genannten Umfrage, jedenfalls die, die dem Leser zur Verfügung stehen, deuten darauf hin, dass hier einiges im Argen liegt.

Nehmen wir die Stichprobe von (in Deutschland) 400 online befragten Arbeitnehmern im Alter von 18 bis 65 Jahren. Die Zahl 400 klingt zunächst gar nicht so sehr schlecht – über 1.000 wäre natürlich deutlich besser, aber bitte. Weil von den Aussagen der Arbeitnehmer auf einen bestimmten (Zu-)Stand im jeweiligen Unternehmen geschlossen wird, könnte man auch von 400 Unternehmen sprechen. Jetzt geht es ins Detail mit einem ganzen Paket an Fragen.

Es handelt sich um eine Online-Umfrage – nach welchen Kriterien wurden die Antwortenden ausgesucht, wenn sie überhaupt ausgesucht wurden? Wie viele der 400 Befragten haben tatsächlich geantwortet? Woher weiß man, wer die Fragen vor welchem Hintergrund am Ende beantwortet hat? Auf welche Weise wurde geantwortet? Ankreuzen vorgegebener oder Formulieren eigener Antworten? Hat man die zwei Fragen wie angegeben gestellt, oder hat man mehrere andere Fragen gestellt – z. B. so: „Wie oft wurden Sie in den letzten drei Jahren zu einer Schulung mit Bezug auf digitale Technik geschickt?“ – und daraus nachträglich zusammenfassend zwei übergeordnete Fragen mit entsprechenden Antworten „kreiert“? Dieses Vorgehen ist gar nicht so selten!

Ein Mitarbeiter pro Unternehmen?

Hat man pro Unternehmen wirklich nur einen einzigen Arbeitnehmer befragt? Wenn nicht, reduziert sich nämlich die Stichprobe mit Blick auf die Anzahl der Unternehmen dramatisch. Schließlich sollten zwei oder drei befragte Arbeitnehmer ein und desselben Unternehmens nicht zu unterschiedlichen Aussagen kommen. Wären diese Aussagen dennoch uneinheitlich, wären sie unnütz, weil sie dann keinen Schluss mehr auf den (Zu-)Stand des Unternehmens zulassen. Hat man aber tatsächlich nur einen Arbeitnehmer befragt: Ist dessen Antwort, ist eine einzige Antwort überhaupt repräsentativ für das jeweilige Unternehmen? Verfügt der Antwortende über die Kompetenz, um z. B. die Frage nach dem Vorhandensein einer „digitalen Strategie“ sicher beantworten zu können?

Wurde evtl. zusätzlich angegeben, was sich die Befrager unter einer „digitalen Strategie“ vorstellen? Wenn ja, dann hat der Befragte mit Blick auf die Vorstellung der Befrager geantwortet, also auf etwas möglicherweise Vages; was eine „digitale Strategie“ sein soll, ist ja nirgendwo festgelegt. Wie ist die Verteilung der Altersgruppen bei den Befragten? Das ist nicht unwichtig, denn: Hat ein 18-Jähriger als sog. „digital native“ nicht eine ganz andere Sicht auf das Thema (falls er in dem Alter bezüglich seines Unternehmens überhaupt eine hat) als ein „digital immigrant“, also ein Mensch, der – generationsbedingt – analog aufgewachsen ist? Wie wurde das bei der Auswahl der Befragten berücksichtigt?

Vergleichbarkeit mit anderen Ländern

Auch hier stellen sich viele Fragen: Wie hoch war die Stichprobe in den anderen Ländern? War sie vergleichbar? Wie steht es um die Auswahl der Branchen in den 33 Ländern? Hat nicht die Schweiz eine ganz andere Struktur in Bezug auf Branchenschwerpunkte als z. B. Finnland oder Spanien? Oder die Niederlande: Dort werden über riesige Flächen hinweg vollautomatisch (teils gerade mal ein Mensch zur Kontrolle) Zierpflanzen und Gemüse produziert, verpackt und versendet – eine in den Niederlanden wichtige, wenn nicht dominante Branche, in der (allerdings eher einfache) digital gesteuerte Prozesse leichter umzusetzen sind. Wie ist das berücksichtigt?

Wenn 93 Prozent der Befragten (Unternehmen) in Portugal die Notwenigkeit einer digitalen Strategie konstatieren (siehe unten): Kann es sein, dass man in dem betreffenden Unternehmen auf das Niveau bereits vorhandener digitaler Anwendungen schauen muss? Wenn es eher darum geht, sich endlich vom Papier zu befreien, ist es etwas ganz anderes, als wenn es um ausgefeilte Prozesse à la Industrie 4.0 geht. Wurde gewichtet, wenn ja, nach welchen Kriterien?

Grafiken beeinflussen Betrachter

Auch die Darstellung der Ergebnisse in den zwei Grafiken ist kritisch. Es wurden unter den 33 Ländern sechs ausgewählt (nach welchen Kriterien?), deren Umfrageergebnisse in einem vertikal ausgerichteten Balkendiagramm dargestellt sind.

Einmal geht es konkret um die Frage, ob Unternehmen eine „digitale Strategie“ für die Zukunft brauchten. Die Befragten in den sechs ausgewählten Ländern haben so geantwortet (mit ja): Portugal 93 %, Italien 90 %, Spanien (87 %), Norwegen (81 %), Niederlande (80 %) und Deutschland schlappe 68 %. Wie die Antwort auf diese Frage ausfällt, hat übrigens nicht nur etwas mit einer gewissen Kenntnis des Themas zu tun, sondern evtl. auch mit einer persönlichen Grundhaltung im Sinne von: „Will ich das überhaupt?“. Ich deutele mal (ebenso wild): Immerhin 32 % der Deutschen Arbeitnehmer haben erkannt, dass eine rasant fortschreitende Digitalisierung schon bald an ihren Arbeitsplätzen sägen könnte, während dies in Portugal nur 7 % verstanden haben.

Auf die Frage, ob das Unternehmen bereits über eine (tragfähige) „digitale Strategie“ verfüge, war die Verteilung so: Niederlande (65 %), Norwegen (64 %), Spanien und Portugal (58 %), Italien (57 %) und Deutschland – wieder (auch optisches) Schlusslicht – 52 %. Diesmal ist der Unterschied zwischen den einzelnen Ländern weniger auffällig. Wenn man bedenkt, welche Imponderabilien in dieser Befragung mitschwingen, scheint mir das Ergebnis, vor allem bei der geringen Stichprobe, alles andere als signifikant zu sein. Bei dieser Grafik kommt aber noch etwas Merkwürdiges hinzu: Die Überschrift heißt hier: „Vertrauen in Unternehmen“, darunter die Aussage, die der Befragte bestätigen oder verneinen sollte: „Mein Unternehmen hat bereits eine tragfähige digitale Strategie entwickelt“. Jetzt kommt es also auf einmal gar nicht mehr darauf an, dass der Befragte weiß, wie sein Unternehmen aufgestellt ist, sondern darauf, dass er darauf vertraut, dass es gut aufgestellt ist (oder nicht). Daraus wurde die Überschrift des Beitrages zur Umfrage gedichtet: „Deutsche Unternehmen hinken bei Digitalisierung hinterher“. Der Tenor scheint klar: Ihr müsst eure Leute schulen, und zwar schleunigst!

Solche Überschriften lassen den Wirtschafts- und Industrie-Riesen Deutschland gar nicht gut aussehen, aber: Wo kommen eigentlich die vielen mittelständischen Europa- und Weltmarktführer her? Und: Kann man die Niederlande oder Norwegen überhaupt so einfach mit Deutschland vergleichen? Das Diagramm-Schlusslicht (D) hat zur Betonung dieses letzten Platzes einen roten Balken erhalten, ganz rechts – das zeigt noch einmal deutlich, wo die Deutschen angeblich stehen, nämlich (vermeintlich) ganz am Ende. Wo stehen eigentlich die weiteren an der Umfrage beteiligten, aber in dem Beitrag nicht genannten Länder? Steht Deutschland auf Platz 6, auf Platz 33 oder wo? Wie lautet der Durchschnitt? Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse dieser Umfrage wirklich?

Oder: Wer könnte welches Interesse an einem solchen Ergebnis haben? Was sagt es aus, wenn ein Unternehmen, das eine Umfrage durchführt, von einem bestimmten Ergebnis profitiert? Sollte man nicht viel häufiger Umfragen (jeder Art) auf den Prüfstand stellen?

 

 

Über den Autor:

Peter Blaha, geboren 1954 in Frankfurt am Main, ist freier Journalist mit Spezialisierung auf „Managementsysteme“ und „Weinwirtschaft“ und DGQ-Mitglied. Er widmet sich neben der Erstellung von Fachbeiträgen seit jeher (und mit Vorliebe) dem nach seiner Meinung oft viel zu wenig beachteten Phänomen unklarer bis kurioser Formulierungen und Schreibweisen in der deutschen (Q-)Sprache. Wer dabei eine gewisse Nähe zur Argumentation des bekannten Journalisten Wolf Schneider zu erkennen glaubt, liegt nicht ganz falsch.

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